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  SELBSTBILDNIS von Günter Schweigard  
 

1 Als ihm seine Frau, die es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, ihn unentwegt mit ihrem Smartphone abzulichten, sein Gesicht auf dem Display zeigte, gab es für den Kunstmaler Auerbach keinen Zweifel: Sein Gesicht gefiel ihm nicht! Immerhin gehörte dieses Gesicht der amtierenden Nummer drei, im Ranking der international wichtigsten zeitgenössischen Künstler, ein Gesicht also, das Bedeutung hatte und das, nicht nur in der Kunstwelt, wohlbekannt war. Das alles änderte nichts daran: Sein Gesicht gefiel ihm nicht! Nachmittags fertigte seine Frau, Olivia, aus dem Hinterhalt heraus, eine zweite fotografische Aufnahme seines Gesichtes an, und auch dieses Gesicht gefiel ihm nicht, da es dem des Vormittags vollkommen entsprach.
Wenn man sich, wie der Kunstmaler Auerbach, im vierundfünfzigsten Lebensjahr befindet, achtet man pedantisch genau auf jede noch so kleine Veränderungen der Gesichtszüge. Meist tut sich über einen längeren Zeitraum hinweg, fast gar nichts, als stagniere geradezu die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, bis man sich plötzlich, zu irgendeinem Zeitpunkt, kaum mehr wiedererkennt, und man den Eindruck gewinnt, ein völlig fremdes Gesicht vor Augen zu haben. An diesem Punkt schien Auerbach zweifelsfrei angekommen zu sein: Sein Gesicht war ihm fremd!
In jungen Jahren waren seine Gesichtszüge von Großmut und Verwegenheit geprägt gewesen. Selbst noch vor wenigen Wochen glaubte er zumindest Spuren von Begeisterungsfähigkeit in seinem Spiegelbild erkannt zu haben - wenn auch mit einer gewissen Tendenz zur Verbissenheit. Was er nun, während weiterer, eingehender Prüfung der detailreichen Fotografie Olivias, erblickte, war das gleichgültige Gesicht eines ihm fremden Mannes. Er sah die unzähligen Anzeichen sich einstellender Ermattung, und er sah Anzeichen einer Schwermut, die nur darauf zu warten schien, dass er sich ihr hingab. Allesamt Ergebnisse, die ihn tief beunruhigten und die er zweifellos in engstem Zusammenhang mit seinem bisherigen Leben sehen musste. Was war geblieben? Ausdrucksloser Blick! Ansonsten: Grimasse!

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