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Chill ´mal, Alter!
Dogmenfrei aber ironielos

von Jürgen Mick

Der Papst hat gekündigt, der Dalai Lama hat sein eigenes Amt, als verzichtbar erklärt und weigert sich einen weiteren Nachfolger zu benennen. Wohin nur ist der Wille zur Mission? Einzig die Front der Islamisten gibt sich als bekennende Ideologen, auch wenn man ihnen nachsagt, nichts weiter, als eine ideologisch getarnte Geheimdienstnachgeburt zu sein, die der üblichen Kränkung Entmachteter erwachsen ist. Wo sind die Gurus und ihre Jünger? Wo findet man noch verbindlich gemeinte Lehrmeinung und eine verpflichtende Weltanschauung? Nur noch Marginalien unserer Tage! Daher scheint es an der Zeit, einmal über das zu sprechen, was es nicht (mehr) gibt: Dogmen.

Der jüngst verstorbene Odo Marquard publizierte vom "Abschied des Prinzipiellen", doch wir sind bis heute nicht richtig froh darüber geworden. Wir beklagen den Mangel an Visionen von einem besseren Leben und, dass die landläufige Vorstellung von Glück nicht hinausreicht über Gesundheit, Familie und ein gepolstertes Bankguthaben. Noch meinen wir etwas zu entbehren, wenn Regierungen keine harte Position vertreten und Lehrer keine Werte vermitteln.

Dabei ist es - ganz ohne Ironie - ein Fortschritt ohne Gleichen, wenn der Gedanke der Unverbindlichkeit endlich Raum gewinnt. Ideale waren gedanklich unhintergehbare Zustände. Man ordnete ihnen das individuelle Leben unter, richtete das tägliche Handeln danach aus, und man sah sich gar nicht in der Lage, das eigene Urteil über andere, nicht maßgeblich daran auszurichten. Das alles geschah, ohne sich dessen je bewusst zu werden. Ob unter dem Zeichen eines Folterwerkzeugs oder den Sitten der Väter, die Leitbilder zur Orientierung und Bändigung der Einzelnen waren stets weltumfassend und metaformativ. Sie variierten lediglich in ihrer Art von religiös, über sittlich, hin zu umweltorientiert und wissensbasiert.

Als um die vorletzte Jahrhundertwende, ausgelöst von einer Rechtfertigungswelle, in Fluktuationen geriet, was vormals als nicht anders denkbar galt, breitete sich nervöse Desorientierung aus, die mit dem Misstrauen gegenüber vorherrschenden Dogmen einherging. Von da an streichen, um adäquaten Ersatz bemüht, ein Jahrhundert lang Wellen von Versuchen und Versuchungen übers Land und durch die Städte, initiiert von Esoterikern, Gurus und Propagandisten. Bis endlich die Pop-Revolution als letzter globaler Strandläufer die Moden zum Verebben zwang. Einmal abgesehen von aktuell verwirrten Restposten Ideologiesüchtiger, die meinen, die große Schlacht erneut anzetteln zu können, ist die Gesellschaft dabei, sich halbwegs in stabile Seitenlage zu begeben, wo sie nicht länger mit Werten und Ideologien operieren muss, weil sie unaufgeregt am besten funktioniert. Nämlich, wenn alles mit dem "Als Ob" der Ironie betrachtet wird.

Der Suchscheinwerfer der Aufmerksamkeit hat sich zerfasert in ein Strahlenbündel, das Aufmerksamkeit in homöopathischen Dosen auf ausgesuchte "hot spots" von allenfalls temporärer Orientierungskraft portioniert. Allein schon die sinkende Halbwertzeit jeder Aufgeregtheit lässt vermuten, es ist alles nicht so ernst gemeint. Der Philosoph Richard Rorty ist die liberale Ironikerin erster Stunde. Er ruft die Fähigkeit zur Ironie als Grundkompetenz auf dem Weg zur der Selbstbildung aus. Ohne sie kann Selbstbeschreibung nach ausgehendem Zeitalter des Rationalismus nicht länger gelingen. Die liberale Ironikerin verabscheut jedes abschließende Vokabular, jede Dogmatik, die darauf besteht, Inhaberin der letzten Wahrheit zu sein. Und wie es aussieht, hat diese Erkenntnis offenbar selbst bei Papst und Dalai Lama durchgeschlagen. Entgegen Richard Rorty, der glaubt, "dass Ironie von geringem öffentlichen Nutzen ist" , kann man da den Eindruck gewinnen, dass es nicht schaden würde, mehr Ironie im öffentlichen Umgang zu pflegen.

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Dem steht erst einmal die Beobachtung zunehmenden Mangels an Ironiefähigkeit unter Jugendlichen entgegen. Als relevanter Spiegel neuartiger Kommunikation liefert das Internet dafür deutliche Indizien. Hier kann in der bemühten Kommunikation mit Emoticons - deren Notwendigkeit allein schon den Verlust der Ironiefähigkeit anzeigt - zwischen Rage und vorbehaltlosem Hype beim besten Willen nichts mehr zwischen den Zeilen gelesen werden. Das Netz, in dem sich "Fun" & "Sex" zwei Drittel der Aufmerksamkeit teilen, ist ein Hort purer Ironielosigkeit. Es herrscht das einfache Schema von Liken und Dissen, das ein spontanes Bauchgefühl abfragt, das es - weit jenseits von liberal - gar nicht mehr nötig hat, im Urteil zu differenzieren. Aber siehe: Von routinierten Usern wird die vorherrschende Aggressivität anonymer Äußerungen in sogenannten sozialen Foren unter Gesichtspunkten der freien Meinungsäußerung kleingeredet und vorab mit Abschlägen in der Ernsthaftigkeit bedacht. Nichtsdestotrotz scheinen der Shitstorm und das anonyme Mobbing, wenn nicht Erfindungen des Netzes, dann zumindest für das Netz zu sein.

Wer will sich aufregen darüber, außer die Alten? Die Jungen sehen es mit überzeugender Indifferenz. Die gleichermaßen im Umgang mit Verbindlichkeiten wie gegenüber Institutionen irritiert. Macht einerseits die Hingabe wundern, mit der sie sich in die Obhut von Schule, Lehrern und Vereinen begeben, die - den Trend erkennend - nichts unversucht lassen, sich als Pseudo-Familie zu gerieren (Im optimalen Fall wird das Geborgenheitsgefühl in Studium und Beruf hinübergerettet. Stichwort: Duales Studium), scheint es andererseits bei ihrem Klientel mit der Verbindlichkeit gegenüber Mitgliedschaften nicht weit her. Die von Digital Natives gern genommene All inclusive-Betreuung steht konträr zu den Emanzipationsanstrengungen ihrer Väter und Mütter, aber sie funktioniert, weil diese sie nicht als verbindlich vereinnahmend wahrnehmen, sondern um die Option, jederzeit jede Beziehung wechseln zu können, sehr genau wissen. Jobhopping, Partnertausch und Freundschaftsannahmen bestimmen den Alltag, um alles am Ende des Tages mit einem Schulterzucken hinter sich zu lassen. Am semantischen Wandel des Begriffs des Freundes, ließe sich sicherlich die Transformation des Verständnisses von Beziehungsverträgen exemplarisch nachzeichnen. Aber was ist das anderes, als ganz und gar verinnerlichte Ironie? In Fleisch und Blut übergegangene Selbstverständlichkeit eines Lebens ohne Verbindlichkeiten, wie auch ohne Wahrheiten?!

Lebens-Organisation und alltägliche Rhythmik werden akzeptiert und genossen. Die vorverlegten Bahnen in die Karriere vermögen zu lenken, wo einst Ideale doch nur verführten. Der Trend geht - ohne Ironie - hin zu bodenständig, karriereorientiert und metaphysikresistent.

Bei derartigem Vollzug des Lebens ist Ironie nicht weiter von Belang, weil in einem vollkommen von Dogmen befreiten Leben grundsätzlich alles von begrenzter Haltbarkeit und selbstverständlicher Einschränkung ist. Ironie ist ein stumpfes Werkzeug, obsolet und aus einem Zeitalter, als es noch galt Vokabulare auszuhebeln und ihnen Beliebigkeit nachzuweisen. Das scheint erledigt! Wenn Ironie die Waffe gegen Dogmatik ist, dann zieht vollzogene Dogmenfreiheit in vollster Konsequenz Ironielosigkeit nach sich.

Hat eine ganze Generation mit der sprichwörtlichen Muttermilch aufgesogen, was die Alten noch reflektieren mussten? Es ist Privileg der Jungen, den Blinden Fleck der Alten vorbehaltlos zu benennen. Jedenfalls offenbart sich so die Logik hinter dem Wesen des öffentlichen Umgangs der Digital Natives und der Kommunikationsgewohnheiten des Internet. Auch der Seitenblick auf die begleitende Jugendkultur von Hip Hop und Gangster Rap lässt erkennen: Ironiefreiheit gehört zum Geschäft! Wer mit rüder Plattheit aufwartet, tut das, weil die Attitüde pure Inszenierung ist. Authentizität gilt nur noch etwas für Dogmatiker. - Alles nicht so ernst gemeint, chill ´mal, Alter!

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