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Ernährung ist unsere neue Religion
Fasten, ein guter Anlass

von Jürgen Mick

Versuchen Sie mal jemanden zum Essen einzuladen, den sie nicht kennen. Mediterane Küche, chinesisch oder lieber gut bürgerlich? Das ist schon lange nicht mehr genug Differenzierung. Fast Food, nein Danke!? Nur noch vegetarisch oder gar vegan? Oder doch ein Deluxe-Cheesburger vom Koberind, deftig und gnadenloser Fleischverzehr? Keine Kohlenhydrate und nur Obst, wie in der Steinzeit oder rein synthetisch, genmanipuliert oder schadstofffrei, Fair Trade oder artgerecht produziert? Wir müssen eingestehen, es ist nicht unkompliziert, jemanden zum Essen einzuladen ohne ihn dabei in eine peinliche Situation zu bringen oder gar seine Gefühle zu verletzen. Aber das will ja niemand, also was tun?

Das geht ja schnell, Gefühle zu verletzen. Religiöse Gefühle, humane Gefühle und auch Ernährungsgefühle! Der Zusammenhang von Religion und Nahrungsaufnahme besteht seit den ersten Tagen der Menschheit. Die richtige Ernährung ist sozusagen zentrales Thema einer jeden Religion. Und Religion entwickelt sich rundum Verzehrvorschriften. Selbst in vollständig säkularisierten Kreisen aber endet bei der Nahrungsaufnahme die Willkür. Hier behauptet sich das Restresiduum des Glaubens.

Auch das Fasten findet in der Religion seinen Ursprung und ist am Ende das letzte Heil das bleibt. Der Verzicht auf Speisen ist die stärkste aller Speiseselektionen. Nichts zu essen, heißt nichts verkehrt machen. Aber man muss eben essen. So wird in der Fastenzeit den Christen temporär der Veganismus ans Herz gelegt.

Bei unserem Gast werden wir nervös, weil wir nicht wissen, in welcher Verfassung, welcher Zeit oder Ernährungsphase er sich gerade befindet. Wenn es ungünstig läuft, schämt man sich noch während des Servierens für die Speisen, die man auf den Tisch bringt, wenn das Tischgespräch auf die bis dato unbekannten Essensvorschriften des Gastes kommt. Als Gastgeber kann man sich kaum noch um den Gusto kümmern, weil man sich auf einem Minenfeld der Ideologien bewegt. Die Ansichten werden mit religiösem Eifer verfochten und kratzen unmittelbar am Seinsverständnis der Beteiligten. Mit dem ersten offerierten Teller kann man Grabenkämpfe eröffnen und ambitionierte Missionen vom Zaun brechen, die andauern bis das Essen kalt geworden ist.

Dabei ist Gastfreundschaft die erste zivilisatorische Leistung mit Absicht zur besseren Völkerverständigung. Wer aß, konnte nicht kämpfen. Stattdessen kämpfen wir heute für das richtige Essen. Ja, von derartigen Vorstellungen sind wir geprägt, wenn wir zur Tafel schreiten. Essen genügt nicht. Richtiges Essen ist unsere Motivation, unser Lebensinhalt, unsere Religion und das Letzte, an das wir noch glauben. Das Gastmahl, das Symposion, einst uneingeschränkter Ausdruck der Großzügigkeit und Generosität des Ausrichters, Selbstdarstellung und garantiert beeindruckendes Ereignis für alle Gäste, wird zum Spießrutenlauf für den Einladenden.

Nachdem uns weltanschauliche, politische Ideologien mehr oder weniger fremd geworden sind und metaphysische Überzeugungen obsolet erscheinen sind unsere Speisen dazu erkoren, unsere Weltanschauungen zu bezeugen. In der Intimität der Nahrungsaufnahme nehmen wir uns unmittelbar als Teil eines Weltenkreislaufs wahr. Nahrungsmittel spiegeln als letzte Abhängigkeits-Instanz unser Verhältnis zur physischen Welt. Zu Pflanzen und Tieren und Mitmenschen gleichermaßen. Was zum Verzehr vor uns auf dem Tisch liegt, ist explizites Statement über uns und unser Dasein in der Welt. Es ist Ausdruck unseres Selbstverständnisses und letztmögliche Verortung einer ansonsten haltlos gewordenen Existenz. Das Einführen der Nahrung ist nicht weniger als das Einswerden mit der Welt, die ultimative Hostienspeisung im täglichen Brot. Jeder Biss muss zum bedingungslosen Einverständnis mit den Umständen seiner Produktion werden: Was ich nicht zu mir nehme, ist nicht nach meinem Geist. Selbst das Hungern ist dem geistlosen Verzehr vorzuziehen.

Alle beteiligten Umstände des Essens werden gründlichster Reinigung von Missbräuchlichem unterzogen. Regeln wachen darüber, was und wie man etwas zu sich nimmt. Dabei transzendieren Kochrezepte zu Gebeten und die Zubereitungsvorschriften zu Zeremonien. Das Handwerkszeug wird zu heiligem Besteck, die Küchenutensilien zu gehüteten Kostbarkeiten und die zentral im Raum positionierten Küchenblocks sind die Altäre unserer Verfasstheit.

Es spielt die Gesundheit meist nur noch die nebensächliche Rolle einer Einstiegsmotivation. Eher betrachtet man sie als folgerichtiges Heil, das sich aus richtiger Ernährung ergibt. Wie der Glaube an den wahren Gott das Seelenheil impliziert. Die Gesundheit und der vorzeigbare Leib sind die eingelösten Heilsversprechen und am Ende Stigma und Symbolon eines Lebensvollzugs in Einigkeit.

In Ermangelung unserer metaphysischen Orientierung, erlaubt es uns der freigewordene Raum all unsere Aufmerksamkeit unserer physischen Verortung zu widmen und beispielsweise Essverhalten als erlebbare Moral lesbar zu machen. Nichts Geringeres soll richtiges Essen demonstrieren: Moralisch richtiges Handeln gegenüber den Umständen, der Umwelt, wie auch gegen mich. Sie ist Emanation des Wahren aus den richtigen Speisen. Soll mein Leib davon zeugen, wie letztendlich - so der Glaube und die Hoffnung - mein Alter es dereinst belegen wird. Den Todeszeitpunkt hinauszuschieben (um nicht zu sagen Unsterblichkeit) wäre die letzte Bestätigung des Einklangs mit der von mir in Jahrzehnten verspeisten Welt. Die Bestätigung, alles richtig gemacht zu haben.

Noch nie war die Tafel in der westlichen Welt so reichhaltig gedeckt, noch nie war es so schwierig dort zusammen an einem Tisch zu sitzen. Da hat man in der Fastenzeit doch die gebührende Ruhe, darüber einmal nachzudenken. Möge die Gastfreundschaft darunter nicht leiden!

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