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17.12.14 Welt ohne Fugen
06.12.14 Big Brother & Nikolaus
15.10.14 Demokratie ohne Land
15.08.14 Noise Pollution
23.06.14 Edge-Generation
16.04.14 Staatenlos
04.02.14 Europa einig Gnadenland

 

Europa einig Gnadenland
von Jürgen Mick

Europa einig Gnadenland. Wo sind wir hier? Wo der Narr die höchste Wahrheit verkünden darf, und wo wir Gnade vor Recht walten sehen? Wenn nicht schon in einer Art "New Tyrannis" zumindest in einem monarchistisch angesäuerten Demokratien-Varietee.

In einer autokratisch verseuchten Hollywoodisierung der Regierungsstile wird unter Führungsoberhäuptern gemeinsam erwogen, gehandelt und gern auch mal be- und verurteilt, von Gottes Gnaden; von Matriarchat zu Patriarchat wird Macht gönnerisch ausgespielt und augenzwinkernd zur Kenntnis genommen. Das Volk, der Beobachter, besser das Publikum scheint dabei zu stören, wenn es nicht an den richtigen Stellen applaudiert. Es lässt sich aber in der Regel mit routinierten Entertainerqualitäten ruhigstellen. Indem man mit Zuwanderungsängsten, Mindestlohndebatten oder PKW-Mautempörung rhetorische Nebelkerzen unter die Stammtische rollt, kann man gut gerne wieder ein paar Monate ungestört regieren.

Zu allem Überfluss hat das Volk auch noch mitbekommen müssen, dass Geheimdienste keine Erfindung von Drehbuchautoren sind, sondern im Geheimen Datenberge gefiltert und Personen vorselektiert werden. Der Straftatbestand des Verräters existiert freilich noch immer. Obgleich er untrennbar mit dem Status des Helden korrespondiert.

Das verursacht unnötige Unruhe. Wenn alle Versuche der Abwiegelung wenig überzeugend und mit miserabler Staatsschauspieler Mimik vorgetragen werden und die Verständnisoffensiven - unter Zuhilfenahme ostentativ Betroffenheit - nicht die erwünschte einschläfernde Wirkung zeigen, dann wird wie zum Trotz Realitätsverlust und Affirmation unverhüllt vor die Kameras getragen, in der berechtigten Hoffnung auf wiedereinkehrende Staatsruhe und Kapitulation der Quälgeister der Demokratie: dem demos. (Ob sich davon auch der "Dämon" ableitet, ist mir leider nicht bekannt.)

Immerhin Chefin und Chef kümmern sich. Da sollte das Volk doch im Ganzen mehr Dankbarkeit zeigen. Wie es sich in einem guten Familienbetrieb gehört. Stattdessen gibt das Volk die undankbare Belegschaft, deren milde Gehässigkeit sich trotz allem (in okzidentalen Weltgegenden) noch müde jovial weglächeln lässt. Andernorts wird Ungehorsam rigoros und autoritär verfolgt. Weltweit betrachtet muss man leider mitverfolgen: Ausweisung, Ächtung, Bedrohung, Folter, Verbannung und Exekution liegen im Trend. Da sollte Dankbarkeit doch möglich sein!

Bitt- und Gnadengesuche werden aber mittlerweile hier wie da immer gern entgegengenommen! Erstaunlich, denn jedes Gnadenersuch korrumpiert eigentlich eine demokratische Autorität. Es erneuert, unter verklärt romantisch-monarchistischem Anstrich, die Anmaßung totalitärer Herrschaft. Die Fähigkeit zur Gewährung von Gnade signalisiert nichts anders als Allmacht. Will man das als demokratischer Volksvertreter? Unter dem Eindruck der zunehmenden Bereitwilligkeit zur Entgegennahme von Herrschaftserweisungen gewinnt man allerdings den Eindruck, Reue und Geständnis haben sich nachhaltiger bewährt, als Unschuldsvermutung und Rechtsprechung durch Urteilsfindung.

Es mag sein, dass Parlamentarische Politik insgesamt überschätzt wird. Sie bestimmt längst nur noch einen Bruchteil unserer Lebenswelt. Und je eher man sich damit arrangiert desto besser. Die Zeiten, da diejenigen, die im Namen des Volkes beauftragt waren einen Staat zu lenken, das vollumfängliche Wohl, oder auch nur die Interessen desselben im Auge hatten, gab es nie.

Der demokratische Staat erscheint mittlerweile in bunt schillernden Variationen, die ihre Metamorphosen hin zu einem Konzern unter Konzernen schnell hinter sich bringen wollen. (inklusive Karrierechancen und stabile Karriereleitern.) Das Staatsvolk findet sich in einer Art Belegschaftsverhältnis wieder, das an innerer Kündigung (äußere ist kaum mehr möglich) ebenso wenig wie an Devotion missen lässt. Vom Souverän zum Weisungsempfänger und Bittsteller mutiert, der doch froh sein sollte, dass er gut untergekommen ist.

Dann endlich verhandeln alle auf Augenhöhe: Die Politik, die Wirtschaft und ach die Juristerei! Da befremdet es umso mehr, wenn dahinter immer wieder die Fratze überwunden geglaubter Totalitarismen aufscheinen. Wortschatz und Gebärden wirken befremdlich nah verwandt, als lagen sie unter Zivilisationsfirnis konserviert und können wie selbstverständlich wieder in Anschlag gebracht werden.

Man vergibt den Schuldnern, wie auch wir vergeben unseren Schuldigen. Man schenkt dem Volk sein Eigentum zurück. Man erbarmt sich der Führung und Bevormundung. Man gibt den gestrengen und gerechten Vater. Respektive spielt man die fürsorgliche, aufopferungsvolle Mutter. Man entlässt den Desidenten aus dem Arbeitslager, schenkt dem Gustl die (vom johlenden Pöbel eingeforderte) Freiheit. Man verweigert die Einreise oder gewährt großzügig Asyl. Man übt Nachsicht mit Femen und Frevlerinnen. Man entlässt schon mal die "Aufständischen Fotzen" gegen ihren Willen aus der Haft. Man erbittet Gnade für einen vermeintlichen "Helden/Verräter". Wo sind unsere Verpflichtungen und Freiheiten, unsere Rechte und Gesetze hin?

Es herrscht der Gerechte - und nicht länger das Recht?!

Es sorgt die Spenderin und nicht mehr das System. Es beschützt der Starke und nicht mehr die Gesellschaft. Man handelt nicht von autonomer Position im Namen der Gerechtigkeit, sondern verzeiht und sieht darüber hinweg. Man sieht manche Dinge nicht so eng, dafür andere enger. Als wäre es opportun in einer Welt zerbröselnder Werte den Einkehrschwung zu riskieren. Es gilt nicht mehr die Unschuldsvermutung sondern die Option zur Schuld. Man verteidigt nicht, man dankt und bittet um Nachsicht! Man bettelt anstatt zu verhandeln. Devot statt diplomatisch?

Wollen wir wieder in einer Welt von Almosen und Gottesurteilen zu Hause sein? In einer Welt von Mitleid und Rache? Muss man sich dann auch mit einer Welt von Selbstjustiz, Selbstverteidigung und Selbstschutz anfreunden? Dominiert von Auguren und Blutsbanden? Man befürchtet fast Alttestamentarisches Rollenverständnis bricht sich Bahn. Und fragt sich: Wie weit zurück wollen wir gehen?

Die Totschlag-Formel "Alles ist gut und soll so bleiben!" sprenkelt man regelmäßig als Sedativum in die Menge. Das mobilisiert immer wieder die Schimäre des Status Quo und provoziert bei den ewig Unzufriedenen den Verteidigungsreflex. Schlimmer noch legitimiert sie gleichermaßen Willkür und Inkonsequenz. Dabei sollte die Handlung zum Guten auch in Kauf nehmen, dass man unangenehme Kröten zu schlucken hat! Handlungen im Sinne einer guten Vision zu tun, auch im Wissen darum, dass man mit den Konsequenzen zu leben hat, macht Zuverlässigkeit, Vertrauen und Einigkeit plausibel. Die wohlwollende Bevormundung ist lediglich die Domäne einer Mutter. Und der begnadigende Vater nur die ultima ratio einer jeden Gefolgschaft. Mit Demokratie und dem Handeln im Sinne eines Souveräns hat das freilich nichts zu tun.

Welch monarchistisch-heimeliges Gefühl durchströmt die Stuben, dass vermeintlicher Großmut gefällig Akzeptanz findet? Welch familiär-autoritäre Grundstimmung kehrt ein in unser Europa, dass wir uns die Welt alternativlos malen?

So steht uns wenigstens in Aussicht, dass wir im Ernstfall immer auf die Gnade der erwählten Potentaten hoffen dürfen (müssen). Ein allerdings, wie die Geschichte weiß, spärlich gesäter Brosamen, der nur ausgespielt wird, wenn das letzte Vertrauen droht zu schwinden.

Da wundert es nicht, dass Shakespeare Dramen nie aus der Mode kommen. Wir müssen nur wieder die tapferen Männer und Frauen als Helden betrachten, derer unsere Zeit bedarf! Dann dürfen wir alle auf Amnestie hoffen.

So lasset die Spiele beginnen!

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