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»Je suis« das Problem
von Jürgen Mick

Ja, "Je suis Hebdo", "Ich bin Hebdo", sollte schlicht eine Solidaritätsbekundung eines Journalisten sein, der seiner Betroffenheit über den gewaltsamen Tod seiner Kollegen Ausdruck verleihen wollte. Er tat es routiniert und derart effektiv, dass ihm schon tags darauf wieder andere Kollegen die Tür einrannten, um sich erklären zu lassen, wie er auf diesen schmissigen Slogan gekommen sei. Wahrscheinlich sehr bewusst, oder instinktiv richtig vermied der Urheber dieser Zeilen sich selbst in den Fokus der Öffentlichkeit treiben zu lassen und untersagte jede Veröffentlichung eines Fotos von ihm.

Es finden sich keine kräftigeren Worte, als "zu sein". In schweren Stunden "ist" man mit anderen. "Ich bin mit Dir", "Ich bin bei Dir" drücken Beistand aus. Im Moment, da wir nichts als fallen, ist Stand und Halt unser Verlangen. Wenn wir uns ganz und gar allumfassend hingeben, dann "sind wir". Wir sind die Söhne unserer Väter, wir sind mit Gott, im schlimmsten Fall sind wir was wir sind.

Zu sagen "ich bin", impliziert immer, zu sagen, was man nicht ist. In Leuten, die dazu neigen, "ich bin" zu sagen, begegnet man denjenigen, die ihre Identität an vermeintlich handfesten, ontologischen Gegebenheiten auszurichten versuchen. Eine "Seins"-Bekundung birgt das Potential Anhängerschaften zu rekrutieren in sich. Deutlich wurde dies jüngst, als just jene sich des Slogans "Je suis …" bemächtigten, die sich selbst als die Beleidigten und die Vergessenen bezeichnen. An der sich innerhalb weniger Jahre vollständig verkehrenden Konnotation von Sprüchen wie "Wir sind das Volk" zeigt sich die allgemeine Verwendbarkeit von "Seins"-Sprüchen und damit das Problem der Umdeutung derartiger Bekundungen. Die Aussage "Je suis …" ist selbst im neutralen Sinn des Begriffs unvermeidlich schon Provokation. Mehr noch sie ist obszön, da sie das Gegenüber bloß stellt, allein stellt. Sie fordert auf zur Stellungnahme und das provoziert jedes unbeschriebene Gegenüber zu der Überlegung: "Und was bin ich?" So war vorauszusehen, dass die stringente Antwort lauten, musste "Je suis Moslem". Zu sein erfordert die Entscheidung. Man kennt es aus dem archaischen Reflex: Bist du nicht für, bist Du dagegen!?

Die Behauptung "je suis" aufzuwerfen war gewiss eine Gratwanderung, weil in ihr immer der Auftakt einer Grenzziehung konnotiert und der Beginn einer Kriegsansage mitschwingt. Antworten gibt man darauf üblicherweise mit Solidarisierung oder Konfrontation. "Je suis" funktioniert nur im Intimen, im Du und Du, der persönlichen Bekundung. Die Bühne des Allgemeinen betritt es nicht ohne Risiko. Zielen Ist-Aussagen zudem auf die Grauzone der Identität, endet es selten angenehm, weil sie sich beliebig instrumentalisieren lassen und auch beliebig bis ins Unendliche vervielfältigen. Die Geschichte ist voll davon. Der Provokateur Sokrates rechtfertigte seine ethisch-moralischen Sticheleien mit der Bekundung "Ich bin Athener", ehe er zum Giftbecher griff, der Menschenfänger J.F. Kennedy machte sich lieb Kind mit der Dreistigkeit: "Ich bin ein Berliner".

Es ist ein kleiner Schritt - vielleicht eben auch, auf perfide verführerische Weise, kein merkbarer Schritt, sondern eine kontinuierliche Verschiebung, die durchlaufen wird, wenn sich eine sich gegenseitig unbekannte Menge an Leuten ein eben solches Schild vor die Brust hält. Ab einer bestimmten Größenordnung entsteht unwillentlich der Effekt, den man Massenbildung bezeichnet. In der Größenordnung der Masse mutiert dann die Formel in ein Mobilisierungsmonster. "Zu sein" generiert Macht, die aus dem Inneren eines Selbst kommt und dem ureigenen Wesen zu entspringen scheint. Es ist die einfachste und zugleich eine unhintergehbare metaphysische Absicherung der eigenen Person. Jede Ist-Aussage spaltet die Welt, in das Gemeinte und das davon Ausgenommene. Wenn es noch dazu, wie in diesem Fall, mich meint, macht es mich zum Auserwählten. Ein fundamentaler Effekt jeder sprachlichen Formulierung, die auf Aussagenlogik basiert. Die konsequente Fortführung aller Bekenntnisse in Bezug auf Personen strandet aber bedauerlicherweise in der Engführung: "Wir sind die Guten. Ihr seid die Bösen."

Dabei hat sich die Aufklärung einmal so visionär angelassen. Es war ein Franzose, der sagte "Ich denke, also bin ich". Und es ist nicht überliefert, ob er je behauptete: "Je suis … ." Damals sprach die aufgeklärte Welt auch noch Latein, und es hieß eindeutig: "Cogito ergo sum", und nicht "Ego sum ergo cogito".

Aber was uns schon Descartes zu verstehen geben wollte ist, dass ich mich nur durch das Denken eines "Ichs" meiner selbst versichern kann, nur im großen Zweifel, gleichsam als Abrieb meiner Sinnesdaten, lässt sich im Rückspiegel so etwas, wie ein "Ich" erkennen. Also weit weg von irgendwelchen handfesten Gegebenheiten, für die wir eigentlich nichts können und deren Erbe wir letztlich nur einklagen, wenn wir nichts anderes haben, als uns auf Althergebrachtes zu berufen. Auch wenn Descartes dem Versuch der Verortung dieses Geschehens nicht zu widerstehen vermochte, geht man mittlerweile in der Fortschreibung "Descarte´scher Gedankengänge" mit Sicherheit davon aus, dass sich erst in den prozessualen, synaptischen Verschaltungen des neuronalen Cortex besagtes "Ich" ausbildet - wenn auch Soziologie, Psychologie und Medizin noch dabei sind ihre Claims abzustecken - jedenfalls ohne jede Möglichkeit einer physischen Lokalisierung.

Kurzum, im Denken entsteht das "Ich". Da helfen auch Argumente nicht weiter, daher kann man es getrost unterlassen, weiter hineinbohren zu wollen, um auf etwas zu stoßen, das Ich "sein" könnte. Das "Ich" ist keine Steinfrucht, mit weicher Schale und hartem Kern. Das Ich funktioniert wie eine Tomate mit robuster Schale ohne Stein, und man kann es leicht zerquetschen. Letztlich darf es nur nicht so weit kommen, zu sagen: "Ich bin ..., darum denke ich nicht". Die Vermeidung von "Ich bin"-Sätzen könnte allerdings schon ein erster Beitrag zur besseren Verständigung unter Fremden sein.

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