Transdisziplinäre Plattform künstlerischer und kultureller Beiträge zum Globalbewusstsein
Jetzt-zeichnen-AG
Die Kolumne
2017 2016 2015 2014
words
Seitenstechen
Die Kolumne
16.12.16 Allgemeines Glück gesucht
16.11.16 Hitler ruft!
16.10.16 Postfaktisch
16.09.16 Kick Ass
16.06.16 No Future
16.05.16 Rocken bis der Arzt kommt
16.04.16 Dank der Alternative
15.02.16 »Smart« das neue »Spießig«

 

»Smart« ist das neue »Spießig«
von Jürgen Mick

"Immer smart. Nie spießig", steht da, plakativ geschrieben, auf der überlebensgroßen Werbetafel. Wofür geworben wird, habe ich bereits vergessen, es könnte alles sein. An dieser Stelle muss man der Werbung dennoch einmal strikt entgegen halten, auch wenn ihre Werbebotschaft derart unspezifisch gar keine Nachhaltigkeit zeitigt. Weil das dürfen wir uns unter keinen Umständen andrehen lassen! Es ist Quatsch: Weil, ich möchte entgegnen: "Smart" ist das neue "Spießig"! Es regt sich mir der Verdacht, hinterrücks soll hier zum Spießer umgedeutet werden, wer sich einst stark machte für Individualität, Freiheit und Einzigartigkeit. "Smart" fungiert als Euphemismus, als Verschleierungsformel der Konformität. Das wollen wir nicht wirklich? Es ist gefährlich, wenn man Begrifflichkeiten per Umdeutung in ihr genaues Gegenteil verkehrt!

Zuerst einmal zurück zum Ursprung des Neologismus. "Smart" lässt sich vielseitig übersetzen: geschickt, elegant, proper, fesch, gerissen, gewandt, gewieft, pfiffig und vieles mehr. Darin liegt schon ein Geheimnis des Erfolgs dieser universal gebräuchlichen Vokabel, sie lässt sich auf fast alles anwenden. Zuerst war nur das Telefon smart, dann das Auto, irgendwann sämtliche Elektrogeräte und heute sollen wir selbst es sein. Soweit die gesellschaftliche Doktrin, die schon unausgesprochen - jetzt unübersehbar von Werbeapologeten schamlos ausformuliert - als anzustrebendes Lebensziel fungierte.

Nun gut, wer solche Adjektive gerne auf sich anwendet, sollte nicht vergessen, dass sie schnell auf ihn unangenehm zurückschlagen können. Wer sich geschickt verhält, dem wird bei übermäßigem Erfolg irgendwann auch unterstellt, andere gerne zu übervorteilen. Elegant, proper, fesch ist eher derjenige, der sich in die Gesellschaft nahtlos einreihen möchte und nichts mehr zu vermeiden sucht, als unangenehm aufzufallen. Gerissen ist dann eher der, der sich unverblümt Vorteile zu verschaffen weiß; gewandt und gewieft weiß derjenige sich aus jeder Affäre zu ziehen. Ein pfiffiges Kerlchen eben, das sich nichts nachsagen lässt. Schwiegermutters "charming darling". Wen wollte man lieber als Nachbarn haben, wen unvermittelter als Freund bezeichnen.

Derjenige hat - so ließe sich spekulieren - seine Karriere auf einem Einser-Abitur aufgebaut, konnte zu der Zeit schon auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken, den ihm verschiedenste Moderatoren- und Conférenciers-Jobs und wo immer mögliche Laudator-Ttätigkeiten, Diskussionsrunden und Organisationskomitees beschert haben mögen. Vom Klassensprecher bis zum Oberstufenvertreter begleiteten ihn Nebentätigkeiten als Tutor und in der Schülerverwaltung, die ihn nachhaltig geprägt haben, sodass ihm heute kaum noch ein falsches Wort über die Lippen kommt. Jedes Bewerbungsgespräch schüttelt er aus dem Ärmel. Er ist pfiffig und weiß es, er beherrscht es sich adrett zu kleiden, Geselligkeit ist ihm ein offenes Buch. Er wird geliebt, sieht aus wie aus der IKEA-Werbung, verfügt über mehr Sozialkompetenz als mein Therapeut. Längst hat er nebenbei schon den Bausparvertrag abgeschlossen und selbstredend auch schon die ein oder andere Aktie gehandelt. Er hat stets Niederlagen als Herausforderung genommen und sich dabei nie verspekuliert, er ist clever und schlägt nicht aus dem Ruder. Noch nie hat er einen Vollrausch nach Hause getragen oder sich ungefragt zu weit von eben jenem entfernt.

Was ist Spießigkeit anderes, als bedingungslos unkritische, rückratslose Hingabe in den Common Sense? Das war schon immer so, auch wenn der damals noch nicht so hieß, sondern noch als "Allgemeine Meinung" das große "Man" des Spießertums verkörperte.

Damals, das war die Zeit, als man als Jugendlicher noch anstrebte, genau dem nicht entsprechen zu wollen, weil man sich als Individuum sah und bei jeder Gelegenheit auf seine Einzigartigkeit pochte. So wollte man "cool" sein; das meinte im Wesentlichen unangepasst, den allgemeinen Hysterien widerstehend die Welt neu nach ganz eigenen Maßstäben interpretieren. Dazu musste man unbedingt auf das vorgekaute Sicherheitsdenken scheißen und den Bausparvertrag in den Wind schießen. Dazu legte man sich die Attitüde rau und ungehobelt zu sein zu, über den Dingen stehend authentisch, drunter ging es nicht. Unberührbar, unterkühlt, kalt gegen jede Gefühlsregung der mimosenhaften Spießbürger. Ein Draufgänger, dem man es nicht ansah, der mit dem Understatement kokettierte, die Welt könne ihm nichts anhaben. Frei unnahbar und allemal genau deshalb liebens-, ja begehrenswert.

Zumindest hatte man es versucht. Mit der nicht zu gering einzuschätzenden Folge, dass sich das ein oder andere Querdenken hartnäckig festgesetzt hat. Man kann sich nicht nachsagen lassen, nahtlos vom Windelkind ins gemachte Bett der Spießigkeit abgerutscht zu sein. Man war sich seither sehr wohl stets bewusst, dass Spießigkeit eine Untugend ist - (auch noch, wenn man sie unkenntlich machen will, indem man sie in Smartheit umdeklarieren will, wie Gammelfleisch!) -, die kritiklose Hinnahme präferiert und die Fortpflanzung des kleinsten gemeinsamen Nenners einer Gesellschaft ist. Und dass dieser manchmal verdammt klein sein kann. Klein bis zur Gefährlichkeit. Allein, um das zu erinnern, war es stets wichtig, unangepasst sein zu wollen, wenn auch nur temporär, aber in unvergesslichem Bewusstsein!

Wenn es nicht so gefährlich wäre, sich einzurichten, im vermeintlich Richtigen. Oder ist es sogar nur im Bequemen? "Mein Kampf" ist wieder erhältlich, neu aufgelegt, kommentiert, mit Gebrauchsanweisung sozusagen - weil man ernsthaft glaubt, von diesem Trash könnte noch einmal dieselbe Gefahr ausgehen. Die Geschichte ist kein Wiedergänger im selben Gewand. Sie kleidet sich stets neu und adrett. Nur die Mechanismen bleiben die immer gleichen! Derweil uns Versprechen in ganz neuem Gewand Narkotika darreichen, die zum wiederholten Male glauben machen, wir könnten uns anschicken uns unsere heile Welt zu konservieren, gegen Fremde und Schmarotzer absichern. Smart ist der neue Gleichschritt, getaktet nach den neuen Gesetzmäßigkeiten des Marktes, hinstrebend zu den Verheißungen eines Tausendjährigen Wohlstands, auf einem hermetisch und antiseptisch abgesicherten Hochsicherheitskontinent. Die Propaganda spricht stattdessen: "Spießig" ist das reaktionäre Gedankengut von gestern, das von Freiheit, Authentizität und Individualität faselte. Smart wird alles gut, indem wir auf die Regeln achten, unser Benehmen konfirmieren, schön stillhalten!

Als hielten wir eine neue Gebrauchsanweisung für ein smartes Leben in Händen, lassen wir uns Alternativlosigkeit einreden, nur weil wir zu bequemlich sind, dagegenzuhalten. Zu bequemlich, um auch nur zu sagen, was wir denken. Oder zu viel Angst haben, einen wohlverdienten Anspruch auf Lebensstandard einzubüßen, zu viel Angst, nicht mehr mitmarschieren zu dürfen im wohlgeschürzten Komfortzonenregiment des tausendjährigen Wohlstands.
Wenn dem neuen "smart" nicht endlich abgeschworen wird, dann passe ich mich eben dem Bedeutungswandel an! Auch wenn mir der Stift abbricht, dann will ich mich gern zu den Spießern bekennen! Für die Werbung: "Spießig ist cool!"

+

 
 
  LESEN SIE AUCH  
  Wie die Erfindung des Touchscreen die Intimrasur beförderte  
  *  
  Jetzt-zeichnen-AG  
  anteil (at) jetzt-zeichnen-ag.de