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Oh, wie war Fremdsein schön!
Der liebliche Strandgleiter
Engelslocken

VOR 2013

 
 

 

Der liebliche Strandgleiter
von Günter Schweigard

Plank steht am geöffneten Fenster einer der obersten Etagen des Apartmenthauses. Er zündet sich eine Zigarette an, saugt den warmen Rauch ein und genießt den ihm sehr vertrauten Moment des Ausblasens. Bereits damals, als Student der Medizin, war ihm schon bewusst gewesen, dass seine Ausatemluft kein wertloser Stoff ist. Gestützt auf Versuchsreihen, im Rahmen studentischer Seminare an der Universitätsklinik, verzeichnete man, gegenüber der Einatemluft, bei der Ausatemluft, lediglich einen Rückgang des Sauerstoffgehaltes von 21% auf 16%. Mit der Ausatemluft kann man Leben retten. Es ist erst kurz nach vier, doch es beginnt bereits zu dämmern. Plank blickt hinunter, auf unzählige Autos, die sich aus der Stadt hinausplagen. Die warmen Abgase steigen nach oben und mischen sich mit der kalten Dezemberluft. Weihnachtsbeleuchtung an Stahlseilen (stilisierte, fliegende Engel mit Trompete), in Abständen von nicht mehr als zwanzig Metern, über die gesamte Straße hinweg, von einem Haus zum gegenüberliegenden, gespannt. Dazu noch einzelne kaltblau Diodenlichter über den Ladengeschäften. Ein gewohntes Bild für Plank. Er lebt hier schon seit drei Jahren. Der Verkehrslärm stört ihn immer noch. An einer der Hauptausfallstraßen, dort, wo an Werktagen, um diese Zeit, der Feierabendverkehr unerbittlich einzusetzen beginnt, sollte man nicht wohnen. Plank ist kein Städter, doch der Umzug hierher war für ihn unausweichlich. Nachdem er, Prof. Dr. Paul Plank, die Leitung der Frauenklinik am hiesigen Klinikum hatte abgeben müssen (immer wieder Frauengeschichten, während der Dienstzeit; hinzu kam ein unverzeihlicher folgenschwerer Kunstfehler), bestand Lydia darauf, sich von ihm zu trennen. Weder Hass, noch erneut aufkommende Liebe erschwerten die notwendigen Absprachen zwischen Plank und Lydia. Frieder solle weiterhin in seiner gewohnten Umgebung leben können, vereinbarte man einvernehmlich. Die Schule. Die Freunde. Der Weg zur nahen Trambahn. Alles einstudiert und über mehrere Jahre hinweg bewährt. Sommer wie Winter. Frieder solle auch weiterhin in der großzügigen Arztvilla, am Stadtrand, leben können. Doch nicht zusammen mit dem Vater. Nur zusammen mit der Mutter, und er solle, darüber hinausgehend, solange über die Trennung der Eltern im Unklaren gelassen werden, bis er, später einmal, die Wahrheit besser würde verkraften können. Plank verzichtete freiwillig darauf, jene Wochenenden, die, aufgrund der Rechtssprechung, Frieder bei ihm hätte verbringen können, oder an denen er mit Frieder zusammen Ausflüge hätte machen können, für sich zu reklamieren. Man vereinbarte, Frieder darüber zu informieren, dass Plank umgehend, lange im Voraus geplante und mittlerweile unaufschiebbare Forschungen zu betreiben habe und er sich hierfür schnellstens in ein sehr fernes Land begeben müsse. Frieder war verständlicherweise einigermaßen entsetzt über diese Nachricht, aber er war, für einen Jungen von acht Jahren, letztlich sehr einsichtig.

Die Anzeige, am Schwarzen Brett, "Nachmieter für Ein-Zimmer-Apartment zum 15.12. gesucht", auf die der wohnungssuchende Plank sich umgehend gemeldet hatte, richtete sich vornehmlich an die Studentenschaft. War Plank aber letztendlich egal. Das große Fenster, zwar zur Straße, doch dafür nach Süden. Im Badezimmer lediglich ein, mit einem Hebel zu bedienendes, Oberlicht. Seine Vormieterin, eine Studentin der Philosophie, mit Schoßhündchen. Hier, im Apartmenthaus, nur Studenten und sozial Schwache. Plank, so gut wie sicher der Nachmieter. Nach drei Tagen war er bereits aus der Arztvilla ausgezogen. Nicht mehr sein Zuhause und auch das Ein-Zimmer-Apartment, in seinen Augen, lediglich etwas Vorübergehendes. An Heilig Abend, allein, mit einer Flasche guten Rotweins und Fertigpizza "Dr. Oetker, Steinofen Tradizionale, Spinacci". Im Sommer stellte sich dann (bei geöffnetem Fenster) heraus: Egal, welche Windrichtung, immer ein leichter Geruch nach Döner. Auch im darauf folgenden Sommer, Dönergeruch. An Heilig Abend wieder Rotwein und Fertigpizza. Neue Zeitrechnung.

Ein Martinshorn ist zu hören. Plank verfolgt das blinkende blaue Licht des herannahenden Rettungswagens. Es ist kalt geworden. Er wirft die noch brennende Zigarette auf die Straße, schließt das Fenster und bläst letztmalig den warmen Rauch aus (ins Zimmer). Es gibt nur ein Zimmer. Ein-Zimmer-Apartment. Dennoch sehr großzügig. Eine geschlossene Tür, die ins Badezimmer führt. Planks Blick fällt auf unzählige herumliegende leere Flaschen. Mehrere Klappstühle, zusammengeklappt, an der Wand lehnend. Gestapelte Bierkästen. Jede Menge Gläser, leer, einige, halb gefüllt, mit schon abgestandenen Getränken. Mehrere Klapptische, vollgestellt mit leeren Sektflaschen. Wieder Vorweihnachtszeit. Das dritte Jahr nach seinem Einzug. Gestern hatte Plank zur Weihnachtsfeier in sein Ein-Zimmer-Apartment eingeladen. Mal etwas anderes, als immer im wenig festlichen Gemeinschaftsraum. Es durfte sogar geraucht werden. Plank aber weiterhin nur am geöffneten Fenster. Die Macht der Gewohnheit. Zwei auf seiner Etage wohnende Germanistik-Studentinnen brachten ihre Freundinnen und ihre Menthol-Zigaretten mit. Auch massenhaft Gäste aus den anderen Stockwerken. Gelungener Abend. In gewisser Weise, von Vorteil, hier, im Apartmenthaus, dass keiner der Bewohner Zimmerlautstärke einfordert. Etwas Besonderes, mit so vielen Jungen Menschen. Alle sehr jung, bis auf einen, der aussah wie Rob Ford, Torontos Skandal-Bürgermeister. Sehr beleibt, sehr kurze Arme. Rote Krawatte, weißes Hemd, offenes Jackett, mittleres Alter. Keine Ahnung, wer Rob Ford überhaupt eingeladen hatte. Deutlich erinnert sich Plank, wie der Dicke mit den kurzen Armen, noch im Anfangsstadium der Weihnachtsfeier, ausgelassen zu Reggae-Musik tanzte, und dabei seine kurzen Arme um seinen dicken Wanst schleudern lies. Gleichzeitig bewegte er sich ungestüm vor und zurück, so dass er, unweigerlich, die Kontrolle über seinen Körper verlieren musste und er, folgerichtig, beinahe ungebremst, in einen der, weit in der linken Raumhälfte, aufgebauten Klapptische hineinlief, auf denen, säuberlich aufgereiht und nach Inhalt geordnet, bereits geöffnete Getränkeflaschen standen. Mit einer Umfassungsbewegung seiner kurzen Arme versuchte Rob Ford die fallenden Flaschen vor dem Abstürzen zu bewahren, was kläglich misslang. Der dumpfe Aufschlag seines Körpers, auf den Klapptisch, hätte sicherlich für einige Erheiterung bei den Gästen gesorgt, wäre Rob Fords Körper und vor allem, sein Gesicht, nicht von erheblichen Schnittverletzungen gezeichnet gewesen, welche er sich beim Sturz auf die Getränkeflaschen zugezogen hatte, die durch sein immenses Körpergewicht reihenweise zersplittert waren. Glücklicherweise waren zwei Studentinnen der Medizin anwesend, die Plank kurzerhand zu seinen Arzthelferinnen werden ließ. Das Ein-Zimmer-Apartment, Notfallambulanz. Mehrere größere Schnittwunden verschloss Plank fachmännisch mit extra für diesen Zweck angeschafften "EPIGLU, Ethyl-2-Cyanoacrylat- Wundkleber", während seine beiden Arzthelferinnen an Rob Ford die narkotische Wirkung von Brandy austesteten. Zu später Stunde, gegen Ende der Weihnachtsfeier, war die einhellige Meinung, man solle mit dem Autofahren aufpassen, wenn man etwas trinkt. In der Vorweihnachtszeit würde auf den Straßen verstärkt kontrolliert werden und fündig würde man immer, bekräftigte ein sichtlich dem Alkohol zusprechender Jura-Studenten, der im Türrahmen lehnte und nachfragte, ob jemand bei ihm mitfahren wolle. Rob Ford und eine der Lehramtsanwärterin wollten mitfahren. Schade, dachte Plank, denn die Lehramtsanwärterin hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Deborah Harry. Bereits damals, als Student der Medizin, war Plank unglücklich verliebt gewesen, in Deborah Harry und, gleichzeitig, in die Bedienung im "Flamingo" (einmal die Woche Billard und Asbach Cola), die immerhin annähernd aussah, wie Deborah Harry. Im Nachhinein, eine Aneinanderreihung von Missverständnissen. Auch die Ehe mit Lydia (obwohl keinerlei Ähnlichkeit mit Deborah Harry), ein Missverständnis.

Die Versorgung der Schnittwunden von Rob Ford und die Ähnlichkeit einer der Lehramtsanwärterinnen mit Deborah Harry, die einzigen Erinnerungen, die Plank von der Weihnachtsfeier in seinem Ein-Zimmer-Apartment im Kopf behalten konnte.

Die beiden Studentinnen der Medizin schlafen noch immer, nackt und ziemlich verkatert, in Cashmere-Decken gehüllt, auf seiner mit schwarzem Leder bezogenen Eck-Couch. Plank holt die Kopien der Briefe, die er in den letzten drei Jahren Frieder zu Weihnachten geschrieben hat, aus dem Sideboard (Biedermeier-Stil). Das Sideboard hatte er, als einziges Möbelstück hierher, in dieses Ein-Zimmer-Apartment mitgenommen. Die mit schwarzem Leder bezogene Eck-Couch, das einzige weitere Möbelstück, hatte er sich erst vor kurzem angeschafft. Im ersten Jahr, nach seinem überstürzten Auszug aus der Arztvilla, Berge von angefangenen Weihnachtsbriefen, an Frieder, die, nach ein paar Zeilen in den Papierkorb wanderten. Er musste einsehen, dass er es verlernt hatte, durchformulierte und wohlüberlegte Sätze zu schreiben. Die Weihnachtsbriefe an Frieder, in der Folge, allesamt aufgesetzt und dann irgendwann, nach mehrmaligem Probelesen, schließlich in Reinschrift. In diesem Jahr ist Plank spät dran. Er blättert die Weihnachtsbriefe der letzten Jahre durch. Allesamt Briefe, mit falscher Angabe seiner Tätigkeit und seines Aufenthaltsortes. Plank betreibt keine Forschungen in sehr fernen Ländern. Er war weder in den Bergen des Himalaya gewesen, wie er dies Frieder, im ersten Jahr nach seinem Auszug aus der Arztvilla, geschrieben hatte (Kopien von landestypischen Briefmarken und Poststempeln, täuschend echt, aus dem Internet), noch hat er sich, im zweiten Jahr nach seinem Auszug, für einen längeren Forschungsaufenthalt ins Amazonasbecken begeben. Er wohnt in einem Ein-Zimmer-Apartment, hält sich neuerdings als Apothekenkurier über Wasser.
Plank setzt sich neben die mit schwarzem Leder bezogene Eck-Couch auf den Boden und legt seinen Kopf auf den unverhüllten Brüsten, einer der Studentinnen der Medizin, ab und beginnt zu schreiben:

Lieber Frieder,

wie dir Mama sicherlich schon erzählt hat, befinde ich mich derzeit, auf einer tropischen Insel, in einem sehr fernen Land, weit ab von all dem, was wir gemeinhin für die Welt halten. Es gibt hier, im tropischen Regenwald, der auf dieser Insel vorherrscht, sogar noch Menschen, die ohne Kontakt zur Zivilisation leben, die aber völlig ungefährlich sind. Unsere kleine Forschungsgruppe hat sich, vor nun schon mehr als einer Woche, nochmals aufgeteilt. Ich streife also, lediglich begleitet von zwei jungen Studentinnen der Medizin, mit dem Ziel, unbekannte Tierarten zu entdecken, umher. Wir sind völlig auf uns allein gestellt, doch wir lernen langsam mit den widrigen Umständen unseres neuen Lebensraumes zurechtzukommen. Wenn es Nacht zu werden beginnt, beenden wir unsere Forschungen, gehen hinunter zum Meer und schlagen unser Lager an einem der weißen Sandstrände auf. Ich grabe für uns alle kleine Schlafmulden in den warmen Sand, bevor ich für unser Abendessen sorge. Ich habe gelernt, mit einem langen zugespitzten Holzstock im seichten Wasser Fische zu fangen - wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich dir diese Technik beibringen.
Noch bis vor wenigen Wochen waren wir mit unserer Tätigkeit, unbekannte Tierarten zu entdecken, nicht sehr erfolgreich gewesen. Eines Morgens, jedoch, während meine beiden Begleiterinnen noch in ihren, von mir gegrabenen und mit Bananenblättern ausgelegten Sandmulden schliefen, erblickte ich, am Rand des Regenwaldes, ein Wesen, das sich reichlich an den Früchten eines tropischen Baumes bediente. Sofort wurde mir klar, dass ich einer den Menschen noch unbekannten Tierart gegenüberstand. Trotz meiner, vor langer Zeit erlernten, Fähigkeiten, mich lautlos und gegen den Wind anzuschleichen, nahm das Wesen meine Witterung auf und flüchtete in den dichten Regenwald, noch bevor ich ausreichend nah herangekommen war, um ein Foto zu schießen. Umgehend weckte ich meine beiden Begleiterinnen und wir folgten über mehrere Stunden hinweg der Spur des von mir entdeckten Wesens. Der Tag war schon fortgeschritten und die Mittagszeit war schon lang vorüber, da stießen wir auf eine kleine Höhle, aus deren Inneren wir ein sanftes Atemgeräusch zu vernehmen glaubten. Wir warteten die ganze Nacht vor der Höhle, doch das uns noch unbekannte Wesen steckte nicht einmal die Nase aus dem Höhleneingang heraus. Hätten wir zu diesem Zeitpunkt schon mehr über seine Lebensgewohnheiten Bescheid gewusst, wären wir sicherlich in unser Dreimann-Zelt gekrochen und hätten bis zum Morgengrauen in unseren Schlafsäcken verbracht, denn, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen sollte, ist das von mir entdeckte Wesen alles andere, als ein Nachttier. Tags darauf, während die ersten Sonnenstrahlen in den Regenwald vorzudringen begannen, kam aus der Höhle ein Wesen hervor, wie es noch nirgendwo auf der Welt auch nur eine Menschenseele zu sehen bekommen hat. Meine beiden Begleiterinnen und ich, gut getarnt, mit reichlich Bananenblättern, folgten dem uns noch unbekannten Wesen und konnten es, über den ganzen Tag hinweg, hinreichend beobachten. Damit du eine Vorstellung von seiner ungewöhnlichen wie auch überaus prachtvollen Erscheinung bekommst, mache ich den Versuch, dieses wundersame Wesen für dich zu beschreiben. Manche würden es sicherlich für einen Greifvogel halten, wenn sie sehen könnten, wie es am Morgen, wenn es die ersten Startvorbereitungen des Tages trifft, seine enormen, gefiederten Schwingen in voller Spannweite ausbreitet. Andere wiederum würden bestimmt sagen, jenes Wesen sei eine Raubkatze, ein eleganter Jäger mit seidig glänzendem Fell, wenn sie beobachten könnten, wie es, nach der Mittagsruhe, seine vier eleganten gepardenähnlichen Beine streckt und dann mit großen Sätzen und mit atemberaubender Geschwindigkeit seiner Beute nachjagt. Einige wenige würden sich wohl von seinem Aussehen noch mehr täuschen lassen und sie würden sagen, wenn sie sehen könnten, wie es sein, im Nacken sitzendes, feingliedriges, durchscheinendes Flügelpaar und seine Fühler putzt, dieses Wesen sei eine Libelle, wobei sie ihre Aussage sofort wieder zurückziehen würden, denn, wenn dieses Wesen sie ansieht, tut es dies nicht mit den Facettenaugen eines Insekts, sondern mit wunderschönen, strahlend blauen Menschenaugen. Als es dämmerte und im tropischen Regenwald sich allmählich alles wieder beruhigte, setzte das wundersame Wesen, gepardenähnlich, zum Sprung an. Mitten im Sprung befindlich breitete er seine Insektenflügel aus, die Luft begann zu flirren und mit einem klangvoll brummenden Fluggeräusch entschwand es unseren Blicken.

Über mehrere Wochen hinweg studieren wir nun schon die Verhaltensweisen des von mir entdeckten Wesens. Meine beiden Begleiterinnen haben ihm auch schon einen Namen gegeben. Seit dem Tag, an dem wir Zeugen wurden, wie das wundersame Wesen einen nicht enden wollenden Gleitflug, über einen der weißen Sandstrände, absolvierte, wird es von uns nur noch der liebliche Strandgleiter genannt. Der liebliche Strandgleiter sieht zwar, wenn er in die Lüfte aufsteigt, und seine gepardenähnlichen Beine nach unten baumeln lässt, nicht sehr anmutig aus und er ist bei weitem nicht der beste Flieger auf der Insel, doch er kann stundenlang am Strand entlang gleiten, ohne dass er auch nur einen Millimeter an Höhe verlieren würde. Er gleitet auf so unnachahmliche Weise über dem weißen Sand dahin, dass sogar ein Großteil der Tiere, die hier auf der Insel beheimatet sind, dem lieblichen Strandgleiter bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Gleiten, unermüdlich zusehen. Sie sitzen am Strand, die großen Palmen im Rücken, sehen aufs Meer hinaus und warten gespannt darauf, dass der liebliche Strandgleiter an ihnen vorbeisegelt. Anderswo wären die Tiere, vor allem die Vögel, bestimmt neidisch auf den lieblichen Strandgleiter gewesen, weil er, obwohl er nichts anderes kann, als zu gleiten, solche Aufmerksamkeit erregt und sie würden ihn vermutlich sogar davonjagen, aber hier, auf unserer Insel, fällt es keinem einzigen der Tiere ein, etwas derartiges auch nur zu versuchen. Auffallend, aber mir durchaus verständlich, ist, dass die Tiere sich ausschließlich für jenen Augenblick interessieren, in dem der liebliche Strandgleiter an ihnen vorbeischwebt, also, für seinen unnachahmlichen Gleitflug. Sobald der liebliche Strandgleiter sein Landemanöver durchführt, und er tut dies, indem er ziemlich ungelenk seine vier Beine ausstellt, und mit weit überhöhter Geschwindigkeit auf dem weißen Sand aufsetzt, gehen die Tiere schon längst wieder ihrer Wege. Jedes Mal, wenn der liebliche Strandgleiter gelandet ist, blickt er sich nach allen Seiten nach seinem Publikum um, doch selbst die Meeresbewohner, die noch kurz zuvor alle dicht unter der Wasseroberfläche versammelt gewesen waren, um einen leidlichen Eindruck von dem, was sich am Himmel abspielte zu erhalten, sind bereits wieder in tiefere Wasserschichten abgetaucht, so dass auch sie vom Landemanöver des lieblichen Strandgleiters nurmehr einen leichten Schattenwurf wahrnehmen, ohne jedoch daraus weitere Schlüsse bezüglich der Qualität seines Manövers ziehen zu können. Ich vermute, bis heute hat noch kein einziges der hier auf dieser Insel oder in den dazugehörigen Küstengewässern lebenden Tiere, weder das Starten noch das Landen des lieblichen Strandgleiters verfolgt, und dennoch hegt wohl keines von ihnen auch nur den leisesten Zweifel, dass dieser Vorgang ebenso lieblich anzuschauen sein würde, wie es der eigentliche Gleitflug des lieblichen Strandgleiters immer schon gewesen war. Auch der liebliche Strandgleiter selbst weiß wohl nichts von seinen ziemlich lächerlich anzuschauenden Start- und Landeversuchen. Selbstbewusst faltet er nach jeder Landung (auch nach jeder seiner zahlreichen kapitalen Bruchlandungen) seine beachtlichen Flügel zusammen und begibt sich unverzüglich auf die Jagd. Fliegen macht hungrig, was jeder weiß, der es schon einmal selbst versucht hat.

Leider wird die Schiffspassage nach Europa für mich erst in einigen Tagen möglich sein und sie wird, wie du weißt, mindestens zwei ganze Wochen dauern, so dass ich auch heuer nicht mit dir und Mama Weihnachten feiern kann. Morgen wird hier, auf der Insel, ein Schnellboot vom Festland erwartet, um unseren Proviant zu bringen und unsere Post abzuholen. Hoffentlich erreicht dich, lieber Frieder, mein Brief noch rechtzeitig, zu Weihnachten.

Viele liebe Grüße und Frohe Weihnachten

Papa


Planks Vorhaben, zu Weihnachten, ein Exemplar des lieblichen Strandgleiters für Frieder präparieren zu lassen, hatte in der Vorweihnachtszeit bereits konkrete Formen angenommen. Er war sogar schon beim Präparator gewesen um anzufragen, was es koste, ein Tier nach beiliegender Skizze zu präparieren, doch er glaubte sich zu erinnern, dass Frieder sich nicht besonders für exotische Tiere interessiert. Wenn Plank die Augen schließt, glaubt er Frieders Stimme hören zu können.
Nachrichten heute mal zur Prime Time. Die Studentinnen der Medizin, unter den Cashmere-Decken, haben ihre Körper, mittlerweile ineinander verschlungen. Plank bleibt außen vor. Jerusalem unter einer dicken Schneedecke begraben, liest die blonde Sprecherin. Dann eine Live-Schalte. Im Biblischen Zoo seien sieben Tiere erfroren. Tausende Haushalte seien ohne Strom. Im Nachrichtenblock nichts, was Plank nicht schon gewusst hätte. Nachts sind die Nachrichtensprecherinnen besser als zur Prime Time. Nicht hübscher, aber sachlicher. Kein Gehabe wie bei Kindergärtnerinnen, die einem ständig ihre gute Laune aufzudrängen versuchen, was er als sehr angenehm empfindet. Trotzdem Prime Time. Das Wetter wird auch in den nächsten Tagen eher warm bleiben. Keine Änderung in Sicht, verspricht die blonde Sprecherin. Genaueres, gleich, von der Wetter-Fee. Anschließend ein investigatives TV-Magazin mit Hintergrundinformationen zu den diesjährigen, unerwartet hohen, Verkaufszahlen im Weihnachtsgeschäft des Einzelhandels. Plank nimmt sich vor, heute Abend sein Apartment vollständig von den Überresten der gestrigen Party zu befreien.
Die Türklingel, zweimal, sehr schrill. Die beiden Studentinnen, immer noch unter den Cashmere-Decken. Lydia steht mit ihrem Sohn vor der großen in die Putzfläche eingelassenen Messingplatte. Sie hält einen etwa schulterhohen, bereits geschmückten, künstlichen Weihnachtsbaum im Arm. Weil die Zweige aus Draht gefertigt sind, konnte sie diese, für den Transport, alle, Platz sparend, nach oben biegen. Vor Ort müsste es für sie ein Leichtes sein, den Weihnachtsbaum wieder zurechtzumachen. Frieder drückt noch einmal auf den Klingelknopf in der obersten Reihe. Die Sprechanlage beginnt zu knacken. Plank. Kaum hat Frieder seinen Namen hineingesprochen, betätigt Plank den Bakelitknopf des elektrischen Türöffners und lässt die beiden ins Treppenhaus. Ein Weihnachtsbaum steht, an dem kaltblaue Diodenlichter blinken.

Ende

 

22.12.13

 
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