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SELBSTBILDNIS LUZ CROWN CRIME STORIES
words

Grün ist die Hoffnung

CRIME STORIES

2

 

 

I

Als ihn der Anruf von Mick Jørgensen erreichte, saß Luz Crown unten bei den Landungsbrücken herum und blickte hinüber zum Dock 17 bei "Blohm+Voss". Er ging nur noch an Tagen hierher an denen keine Sonne schien und an denen es auch keine Attraktionen zu bestaunen gab. Kürzlich, als man die Queen Mary 2 trockengelegt hatte, waren sie in Scharen gekommen, um sich zusammen mit dem Ozeanriesen abfotografieren zu lassen. Heute hingegen, an diesem trüben aber nicht zu kalten Novembernachmittag, befand sich Luz Crown so gut wie allein hier - bis auf zwei Jugendliche, die sich, nicht weit von seinem Sitzplatz entfernt, um ein Mädchen bemühten. Es schien so, als ob sich das Mädchen nicht ganz freiwillig den Berührungen der beiden Jungs ausgesetzt hatte. Er hörte Wortfetzen, die sich nach ... verpisst euch ... und ich zeig´ euch an, ihr Schweine ... anhörten. Dennoch schien das Mädchen der Situation gewachsen zu sein. Ihre Stimme klang nicht herzzerreißend Hilfe suchend, wie die Stimme eines Opfers gemeinhin klingt, sondern sie klang eher barsch, ohne Zwischentöne, gerade so, als genügte es ihr, auf sich aufmerksam zu machen. Es hatte leicht zu nieseln begonnen. Die Sicht war schlecht. Luz Crown vermied es, den Kopf zu drehen, um genauer hinzusehen, denn seit er beschlossen hatte, sich nicht mehr in die Angelegenheiten anderer Leute einzumischen, ließen ihn üblicherweise auch Geschehnisse dieser Art kalt. Noch dazu hatte er zur Jugend von heute, in den letzten Jahren, völlig den Draht verloren. Zu einer Jugend, die popkulturell ausgerichtet, lebenskundig und vor allem überaus abgeklärt war. Vor kurzem noch wäre Luz Crown zumindest aufgestanden und hätte sich den Dreien genähert, um sich davon zu überzeugen, dass dies lediglich ein ausgeklügeltes Spiel geschlechtsreifer Heranwachsender war, das sich hier neben ihm abspielte - die Jungen berauscht, den ungeahnten Reizen des Körperlichen ausgeliefert, das Mädchen, sich der Verlockung die sie auf die beiden Jungen ausübte bewusst werdend, zwar irritiert, aber doch selbstsicher berechnend darauf achtend, dass alles nur ein Spiel blieb. Dies hätte Luz Crown für sein reines Gewissen dokumentieren können. Doch nun blieb er scheinbar unberührt auf seinem Gitarrenkoffer sitzen und mit längst automatisierten Bewegungen nahm er sein Mobiltelefon ans Ohr, ohne sich aber auch nur mit einer einzigen Silbe zu erkennen zu geben.

"Hi, Luz", begann die Stimme aus dem Lautsprecher zu krächzen, "Mick Jørgensen hier! Könntest du am Wochenende ins Strandhaus nach Rømø kommen. Wir müssen endlich über meine neuen Ideen reden … ganz entspannt, versteht sich … im Strandhaus, wie gesagt." Luz Crown antwortete nicht. Er starrte zu dem heruntergekommenen Kreuzfahrtschiff hinüber das im Trockendock lag und verfolgte die kaum sichtbare Silhouette der Decksaufbauten. "Luz, bist du dran?", vernahm er erneut die auffallend nervöse Stimme Mick Jørgensens, "Geht es dir gut? … Luz?" Immer noch gedankenverloren begann Luz Crown endlich zu reden: "In dein Strandhaus? …" "Na also!", erwiderte Mick Jørgensen, "Ich dachte schon, du hättest deine Stimme verloren. Ich bin am Wochenende im Strandhaus in Rømø und ich hab´ tausend Dinge im Kopf, die ich mit dir besprechen möchte. Ich hab´ eine ganze Reihe neuer Songs, mit neuen Arrangements. Alles auf deine Stimme zugeschnitten. Meine Songs und deine Stimme, denke ich die ganze Zeit, das kann nur die absolute Erfolgsstory werden. Die Sache ist absolut hitverdächtig. Ich hab´ das im Gefühl, Luz. Da passt einfach alles zusammen. Du bist zu gut für drittklassige Clubs, Luz! … Luz? … Also, abgemacht: Sonntagvormittag! Kommst du mit dem Wagen? … Luz? "Sonntag ist schlecht, Mick", begann Luz Crown zu sprechen, "ich muss singen! Samstag- und Sonntagnacht. Ich hab´ ein Engagement im "Lady Bump", Sinatra, Dean Martin und so. Ich bin knapp mit dem Geld. Wie immer! Sonntag geht nicht. Danach bin ich dann immer eine Woche lang völlig fertig und …" "Es ist aber wichtig, Luz, hörst du? … Es geht auch um mich, dabei. Ich komme Sonntagnacht ins "Lady Bump", Luz! Unsere gemeinsame Sache wird uns beide retten, glaube mir. Ich werde da sein! … okay, Luz? Wann geht es bei dir los, am Sonntag?" "Dreiundzwanzig Uhr, glaube ich." "Oh, nicht gerade früh. Ich werde da sein, Luz! Bis Sonntag! Und schone deine Stimme, du wirst sie noch brauchen." "Okay!", antwortete Luz Crown knapp und steckte sein Mobiltelefon weg. Der Anruf von Mick Jørgensen kam zur rechten Zeit für Luz Crown, denn er spürte nur mehr wenig Lebensenergie in sich. Es viel ihm schwer, etwas anzupacken. Es viel ihm schwer, morgens aufzustehen. Für neue Projekte war er zwar offen, brauchte jedoch immer auch eine Anregung, um in Gang zu kommen. Eigentlich hätte er, aufgrund des Gesagten, wieder Hoffnung schöpfen können, doch er blickte weiterhin, wie ein Geisterseher, hinüber zum Trockendock und bemühte sich, in den vagen Umrissen, die zu sehen waren, ein Schiff zu erkennen.
Die beiden Jungs und das Mädchen waren inzwischen verschwunden. Luz Crown hörte nichts mehr. Keine Mädchenstimme und er hörte auch nicht mehr jenes typische Geräuschgemenge einer körperlichen Auseinandersetzung, das noch kurz vorher klar und deutlich zu ihm herüber gedrungen war. Einen flüchtigen Blick riskierend drehte er den Kopf. Niemand war zu sehen! Er hatte den Sätzen von Mick Jørgensen wohl doch eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt, denn sonst hätte er das Weggehen der Jugendlichen bemerken müssen. Er lies seinen Gitarrenkoffer stehen und schlenderte hinüber, dorthin, wo er vermutete, dass sie gewesen sein mussten. Es überraschte ihn nicht, dass auf den regennassen Betonplatten eine indigofarbene Lackleder-Handtasche lag. Er hatte erwartet etwas zu finden. Luz Crown beugte sich nieder und öffnete die Handtasche. Er fand eine Packung Kaugummis, Marke "Wrigley´s 5 Gum, Instinct ... A Warm And Cool Mint", eine Packung Kaugummis, Marke "Wrigley´s 5 Gum, Flood ... A Mouthwatering Berry", drei Kondome, Marke "Ritex ideal, extra feucht & sanft, zartrosa", eine Kunstpostkarte "Jasper Johns: Flag. 1955. Encaustic, oil, and collage on canvas mounted on plywood, 42¼ x 60??. The Museum Of Modern Art, New York. Gift of Philip Johnson in honor of Alfred H. Barr, Jr.", ein Programmheft Elbphilharmonie Konzerte, nebst Eintrittskarte, bereits entwertet "Mo. 18.07. Cindy Lauper, Memphis Blues, 20 Uhr/ Großer Saal, € 59", und eine Autogrammkarte, handsigniert "John Malkovich ist Casanova, The Giacomo Variations". Er verstaute alles, bis auf das Programmheft, in seiner Jackentasche. Im Programmheft entdeckte er eine Beilage. Man bat um Spenden für ein außergewöhnliches Projekt, wie zu lesen war. Es gab diverse Unterstützerprodukte, die man im Internet bestellen konnte. Sein Blick wanderte hinüber zum neuen städtischen Icon, der vom Wasser umspülten Elbphilharmonie. An Novembertagen, wie diesem, wirkte sie fast wie ein Eisberg im Polarmeer. Dort wird er wohl nie auf der Bühne stehen, das konnte er sich denken. Dennoch beschloss Luz Crown jenes Unterstützerprodukt, welches hier in der Beilage angeboten wurde, zu erwerben. Einen aus Edelstahl gefertigten Teigausstecher für Weihnachtsgebäck, dessen Form die Silhouette der Elbphilharmonie nachzeichnete. "Elbphilharmonie Ausstechform, spülmaschinengeeignet, 10cm, 5,90 €, Preis zzgl. Versand- und Portokosten, inkl. MwSt." Die Ausstechform würde er seiner Mutter schicken. Endlich hatte er mal wieder ein richtig gutes Weihnachtsgeschenk gefunden. In sich hineinlächelnd legte er die indigofarbene Lackleder-Handtasche dorthin zurück, wo er sie entdeckt hatte und ging zurück zu seinem ursprünglichen Sitzplatz. Es dämmerte bereits und er musste die Augen zusammenkneifen, um das Dock 17 bei "Blohm+Voss" überhaupt noch erkennen zu können.

Es war einer jener Tage, an denen Luz Crown zu nichts anderem fähig war, als über Vergangenes nachzudenken. Er dachte an seine Heimat Kuba - dort, wo es jedoch auch nicht besser war, als hier. Er dachte an die Zeit in Miami, als er im Bordell seiner Mutter Botengänge für die dort tätigen Damen erledigt hatte und er dachte an Isabel, das rotblonde wilde Mädchen aus Barraquilla.

 

 

 
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