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SELBSTBILDNIS LUZ CROWN CRIME STORIES
words

Grün ist die Hoffnung

CRIME STORIES

2

 

 

II

Das Taxi fuhr direkt auf die spitzwinklige Fassadenecke eines mehrgeschossigen Gründerzeithauses zu, welches zwei in die Kreuzung einmündende Straßenzüge voneinander trennte. Es war eine Novembernacht mit frostigen Temperaturen und Nieselregen. Nachdem es zuvor beinahe einen Monat lang fast schon sommerliche Temperaturen gehabt hatte - was für eine Stadt in diesen Breitengraden, noch dazu an der Nordsee gelegen, sehr ungewöhnlich gewesen war - hatte es vor gut einer Woche angefangen zu nieseln und bis jetzt nicht mehr aufgehört. Mick Jørgensen ließ sich von der giftgrünen Leuchtreklame nicht abschrecken, die auf dem Dach des nachträglich direkt an die Fassadenecke angebauten gläsernen Windfanges aufgesetzt war. Er beugte sich nach vorn und tippte dem dunkelhäutigen Chauffeur auf die Schulter. Dieser verstand sofort, verlangsamte die Fahrt und hielt an einer Bushaltestelle, direkt vor dem Eingang des "Lady Bump". Mick Jørgensen überlegte kurz, ob es wohl erlaubt war, hier stehen zu bleiben. Er blickte sich sogar pflichtbewusst um, ob hinter ihnen vielleicht ein Linienbus die Haltestelle ansteuern wollte. Seine Sorge war jedoch unbegründet, denn um kurz nach Mitternacht verkehrten in diesem abgelegenen Stadtteil keine Busse mehr. "Funfunswansig", wollte der Taxifahrer von seinem Fahrgast haben. Mick Jørgensen bezahlte Dreißig und stieg aus. Der Fahrer verließ ebenfalls das Auto, ging eiligst zum Kofferraum, holte einen Stockschirm mit abgewetztem Griff heraus und spannte ihn über Mick Jørgensens Kopf auf. Der Dunkelhäutige war von hünenhafter Gestalt. Mick Jørgensen, der selbst nicht klein war, musste zu ihm aufschauen und er sah in das unwahrscheinlich schwarze, breit grinsende Gesicht eines Afrikaners. Mick Jørgensen erinnerte sich an den Nigeria-Wimpel, welchen er im Taxi bemerkt hatte. Für den Nigerianer schien es offenbar zum Service zu gehören, seinen Fahrgast bis zum "Lady Bump" zu begleiten. Mick Jørgensen dagegen hielt diese Fürsorge für völlig unangemessen, denn bis zum Eingang der Bar waren es nur ein paar Meter. Noch dazu war er durch seinen kamelhaarfarbenen Trenchcoat bestens gegen den Regen geschützt. Da der Taxifahrer jedoch unvermindert weiter grinste und ihn mittels eindeutiger Gesten zum Gehen aufforderte, ließ es Mick Jørgensen zu, sich begleiten zu lassen. Das "Lady Bump" war beileibe kein In-Schuppen in der Stadt - soviel verriet der schäbige Eingang bereits. Heute: "Ladies Night" stand auf einem großen Plakat zu lesen, welches in einer Vitrine mit defekter Beleuchtung hing - von Luz Crown kein Wort. Ohne ein weiteres Trinkgeld schickte Mick Jørgensen den Taxifahrer weg. Die Glastür viel hinter ihm zu. Er blickte sich um. Es gab keinen Türsteher. Es gab keine Garderobe und keine Kasse. Einzig eine lange gerade Treppe führte direkt ins Untergeschoß. Musik klang zu ihm herauf. Er hörte Luz Crowns Stimme "… I´m a fool, but I love you dear …". Zögerlich - denn was er zu hören bekam traf nicht unbedingt seinen Musikgeschmack - ging Mick Jørgensen Stufe um Stufe den dunklen Abgang hinunter. Ihn erwartete ein noch dunklerer niedriger Vorraum. Es roch nach abgestandener Luft. Als er den schweren roten Samtvorhang beiseite schob, beschlug sofort seine Nickelbrille. Endlich stand er in der Bar. Das feuchtwarme Klima hier verstärkte noch den Modergeruch. "… you taught me how to love and now, you say, that we are through …", sang Luz Crown. Im Scheinwerferlicht sah man sein verschwitztes Gesicht. Mit wenigen raumgreifenden Schritten ging Mick Jørgensen zur Bar hinüber. Er konnte sich den Platz aussuchen und setzte sich am Ende des langen Tresens, da wo die Rundung anfing, auf einen Hocker. "Sie wünschen?", hörte er eine männliche Fistelstimme fragen, die ihn unweigerlich an den Schauspieler Till Schweiger erinnerte. Barkeeper und Kommissare sollten keine solche Stimme haben, dachte Mick Jørgensen. Der Barkeeper, glatzköpfig, bis zum Bauchnabel aufgeknöpftes lila Hemd, keine Brustbehaarung, blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen fragend an. "Scotch, mit wenig Wasser", erwiderte Mick Jørgensen. Die Bühnenscheinwerfer blendeten ihn. Es war nicht leicht sich einen Überblick zu verschaffen, aber bald war es klar, dass er außer dem Barkeeper und Luz Crown, der auf der Bühne stand, der einzige männliche Gast hier im Raum war. Gut ein Duzend ältere Damen saßen an den locker im Raum verteilten Einzeltischen. Bei Kerzenlicht und Freigetränk - Heute: "Ladies Night!""Für Damen ohne Begleitung ein Freigetränk nach Wahl!" hatte auf dem Plakat gestanden - blickten sie schwärmerisch zur Bühne hinauf. In der Großstadt gehen die älteren Damen noch um diese Zeit aus, dachte Mick Jørgensen. Er stellte sich vor, wie sich die älteren Damen, während ihre Ehemänner, wenn sie denn noch lebten, das Geld für den Unterhalt ihrer Villen in Blankenese oder Uhlenhorst verdienen, stundenlang in stark parfümiertes Badewasser legen, um den unangenehmen Geruch, den ältere Damen nun einmal ausströmen, zumindest bis um kurz nach Mitternacht, überdecken zu können und wie sie sich dann die Lippen rot machen, sich mit weiteren kleineren Tricks noch ein, zwei Jährchen jünger aussehen lassen und sich dann, spät abends, aus den Villenvierteln der Stadt davon machen, gerade rechtzeitig, um sich einen der Einzeltische im "Lady Bump" sichern zu können, an denen sie dann sitzen, mit Röcken, die so kurz sind, dass sie die Strumpfbänder der älteren Damen den Blicken freigeben, wenn diese sich auch nur leicht bewegen. "… now and then, there´s a fool just as I …", sang Luz Crown. Er ließ das Mikrofon sinken - zeitgleich verstummte das Playback - und verbeugte sich, ganz "gentlemanlike", vor den Beifall klatschenden älteren Damen. Luz Crown versuchte erst gar nicht ihren Küssen zu entgehen. Er ließ sich schließlich dafür bezahlen, dass die ein oder andere ältere Dame, wenn ihr danach war, ihm die in Mandarinenlikör gebadete Zunge in den Hals stoßen durfte. Er wusste, dass es zum Geschäft gehörte, wie das Singen auch. Er sang schon lange nicht mehr, weil es ihm Spaß machte. Mittels einer ausgeklügelten Technik hatte er seine Stimme auf diese Gegebenheiten hin angepasst. Der Entertainer singt für jede im Raum; zumindest mussten sie das Gefühl haben, dass es so wäre. Nichts hätte die älteren Damen mehr verärgert - das wusste Luz Crown nur zu gut - als wenn sie das Gefühl gehabt hätten, dass er seine Songs nicht für jede einzelne von ihnen singen würde, sondern dass er es nur des Geldes wegen tat. Ob er sie jedoch des Geldes wegen küsste oder ob er es aus anderen Gründen tat, machte für die älteren Damen hier im "Lady Bump" offenbar keinen Unterschied. Luz Crown küsste sie schon seit geraumer Zeit nur mehr für Geld, ohne dass sich jemals eine der hier Anwesenden darüber beklagt hätte. Er gab ihnen jene Küsse, die sie verlangten. Jede Art von Küssen war von ihm zu bekommen und das wussten sie zu schätzen. Im Grunde war es für Luz Crown nicht weiter schlimm, die Frauen zu küssen. Im Grunde war es auch nicht er, der küsste, sondern er musste sich lediglich küssen lassen. Alles was er dabei zu tun hatte, war, sich den verschiedenen Zungenformen anzupassen, besser gesagt, für jede Zungenform eine angemessene Kusstechnik anzuwenden. Kusstechniken sind erlernbar. Luz Crown hatte sie im Laufe der Jahre alle gelernt. Mit dem sicheren Gefühl, das Richtige zu tun, verstand er es, auf all die verschieden Zungenformen der älteren Damen zu reagieren. Es gab die langen Zungen, die sich ihm in den Hals bohrten. Ältere Damen, die solch lange Zungen hatten, konnte man dies bereits ansehen, während sie ihre Drinks schlürften. Vor dem Küssen mussten sie sich den Caipirinha von ihren Lippen lecken, denn sie tranken die Cocktails nicht elegant mit dem Strohhalm, sondern sie schütteten das Zeug in sich hinein, als ob gerade dieser eine Drink das erste gewesen wäre, was sie seit Tagen zu trinken bekommen hatten. Dann steckten sie ihm ihre Zungen so weit in den Hals, dass es ratsam war, die eigene Zunge zur Seite zu legen, denn diese Zungen schätzten es nicht, auf einen Widerstand zu stoßen, der sie in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt hätte. Dies waren die Zungen der unersättlichen älteren Damen mit den flachen Brüsten - es waren viele alternde Künstlerinnen unter ihnen. Schwer zu unterscheiden waren sie von denjenigen älteren Damen, ebenfalls mit langen Zungen, welche diese jedoch fast würgeschlangenähnlich um seine Zunge wickeln wollten. Doch dank seiner Erfahrung konnte Luz Crown sehr schnell beurteilen, ob er nun seine Zunge zur Seite legen musste oder ob er sie starr, vielleicht sogar etwas längs gerollt, im Mundraum fixieren musste, um den langen umschlingenden Zungen ein günstiges Angriffsobjekt zu bieten. Die mit den breiten Zungen küssten wieder anders. Doch gab es auch hierbei große Unterschiede. Beispielsweise gab es breite dicke Zungen und es gab breite dünne Zungen, die sich einrollen konnten. Besonderes Augenmerk verdienten jene älteren Damen, deren Zungen von einem stark ausgeprägten Zungenbändchen gehalten wurden und die sich darum kaum aus dem Mundraum herausbewegen konnten. In diesen Fällen befand sich Luz Crown auf einem schmalen Grad, denn die Gefahr hierbei eine übertrieben aktive Kusstechnik anzuwenden, und dabei sowohl sich selbst, als auch die Kusspartnerin, in eine überaus unsichere Gefühlslage zu bringen war groß. Mick Jørgensen verfolgte interessierzt, wie Luz Crown sein Pensum abspulte. Von Zeit zu Zeit trafen sich ihre Blicke. Luz Crown beeilte sich, mit dem Küssen fertig zu werden, was ihm nicht schwer fiel, denn es warteten an diesem Abend keine besonders extravagant geformten Zungen auf ihn - Routinearbeit, wie es schien. Luz Crown nahm sich dennoch Zeit für jede einzelne der älteren Damen, bevor er seine Runde durch das "Lady Bump" beendete. Er ging, verfolgt von misstrauischen Blicken der älteren Damen, die sich fragten, warum sie heute Nacht allein gelassen wurden, zur Bar und setzte sich zu Mick Jørgensen an den Tresen. "Geben sie den Damen noch etwas zu trinken, Janni. Geht auf meine Rechnung!", wandte er sich an den Barkeeper "Und für dich Luz? Bourbon? On the rocks?", fragte die Fistelstimme. Luz Crown blickte kurz auf und nickte. "Trinkst du immer noch dieses amerikanische Zeug, mit Eis?" fragte Mick Jørgensen. Im selben Moment scharten sich die Damen um Janni, den glatzköpfigen Barkeeper, der sie mit Drinks versorgte. "War gut, dein Auftritt … deine Stimme ist immer noch o.k! Deine Interpretation von "Born To Lose" fand ich interessant!", begann Mick Jørgensen, " Da warst du richtig dabei - aber die anderen … ich weiß nicht, Luz …" Luz Crown sah nachdenklich zu, wie der Bourbon die Eiswürfel in seinem Glas auffraß. "Ich muss irgend etwas tun, ich weiß", antwortete Luz Crown. "Ich habe letzten Monat viel Zeit im Strandhaus verbracht", fuhr Mick Jørgensen fort, " … ich habe Songs geschrieben …" "Gut!" bemerkte Luz Crown abwesend. "… mir fehlt nur der richtige Sänger" "Denkst du etwa an mich, Mick? Vergiss es, dafür bin ich zu alt!", wandte Luz Crown ein und seine lebharten grünen Augen leuchteten im Scheinwerferlicht. "Du bist es!" versuchte Mick Jørgensen ihn zu überzeugen, "aber du trinkst zu viel!" Luz Crown kippte seinen Bourbon in einem Zug hinunter. "Ich weiß!" "Du musst damit aufhören, Luz. Ich brauche deine Stimme." "Meine Stimme ist hinüber." "Wenn du aufhörst zu trinken, bring ich dich groß raus." Luz Crown stöhnte: "Was willst du? Meine Zeit ist vorbei. Ich glaube nicht mehr an den Erfolg." "Du erzählst von nichts anderem, seit ich dich kenne … Pass auf! Du brauchst nicht mal mit der Bahn zu fahren. Ich hole dich mit dem Wagen ab. Wir verbringen ein paar Tage im Strandhaus, du kannst dich entspannen und dir die neuen Songs anhören." Luz Crown wandte ein: "Ich kann nicht so lange weg. Tamira ist eh schon angefressen, weil ich nie zuhause bin. Können wir uns nicht hier im Studio treffen?" "Tamira!" sagte Mick Jørgensen nachdenklich, "Nein, hier in Hamburg geht es nicht … es werden noch zwei Mädchen da sein, die mich letzte Woche, bei der Preisverleihung in Kopenhagen, angesprochen haben - zwei dänische Jungtalente, die behaupten, singen zu können. Ich möchte sie kurz vors Mikro zerren, dann wird man sehen …" Mick Jørgensen redete noch einige Zeit auf Luz Crown ein, bis dieser endlich auf sein Angebot einging. "Gut! Das ist gut, Luz!", antwortete Mick Jørgensen zufrieden. "Ich muss jetzt gehen", sagte Luz Crown, "ich habe Tamira seit Anfang der Woche nicht gesehen." "Das geht niemals gut mit euch! Tamira mit ihrer krankhaften Eifersucht. Zieh endlich aus, das rate ich dir." "Warten wir´s ab!", fuhr Luz Crown auf, "ich muss jetzt wirklich gehen." Luz Crown nahm sein Jackett, das auf dem Tresen gelegen hatte, klopfte Mick Jørgensen auf die Schulter und verschwand hinter dem roten Samtvorhang. Irgendwie dachte Mick Jørgensen wohl Luz Crown würde noch einmal zurückkommen, denn er blickte eine ganze Weile auf den schwarzen vertikalen Spalt, der den roten Samtvorhang in zwei Hälften teilte. Doch Luz Crown kam nicht mehr zurück. "Sentimentaler Idiot", murmelte Mick Jørgensen. Seit Luz Crown mit Tamira Taft liiert war, hatte er sich grundlegend verändert. Die beiden hatten oft Streit. Tamira war krankhaft eifersüchtig. Sie hatte es sich zwar bisher verkniffen Luz Crowns Auftritte zu besuchen, aber sie konnte es riechen, wenn er spät nachts in ihr Bett stieg, dass er wieder von älteren Damen geküsst worden war. Mick Jørgensen starrte immer noch auf den roten Samtvorhang. Langsam löste er seinen Blick wieder, wandte sich Janni zu und hielt diesem sein leeres Glas unter die Nase. "Wir schließen", gab der Barkeeper ihm zu verstehen. Enttäuscht ließ Mick Jørgensen sein Glas sinken. Er blickte sich um und stellte fest, dass tatsächlich alle älteren Damen bereits die Bar verlassen hatten. Er bezahlte, überlegte kurz, ob der Barkeeper Janni wohl schwul sei, ging durch den schmalen Spalt, den der rote Samtvorhang freigab, hindurch und stieg im Dunklen die Treppe zum Windfang hinauf. Aus der Tiefe klang aus den Lautsprechern noch ein letzter Song zu ihm herauf: "… please release me let me go, for I don´t love you anymore …" - auch dieser Song traf nicht seinen Musikgeschmack. Die Straßenbeleuchtung spendete nur wenig Licht. Die giftgrüne Leuchtreklame des "Lady Bump" spiegelte sich auf dem unebenen nassen Asphalt und verwandelte diesen fast in ein Gebirge. Mick Jørgensen machte sich zu Fuß auf, zu seinem Studio am Alsterufer. Es würde einige Zeit dauern, bis er dort ankam, doch es machte ihm nichts aus, denn er wusste: Die Melodien liegen auf der Straße - vor allem in der Nacht!

 

 

 
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