Transdisziplinäre Plattform künstlerischer und kultureller Beiträge zum Globalbewusstsein
Jetzt-zeichnen-AG
Die Novels
SELBSTBILDNIS LUZ CROWN CRIME STORIES
words

Grün ist die Hoffnung

CRIME STORIES

2

 

 

III

Tamira saß aufrecht im Bett und kontrollierte ihre Einkaufsliste, als Luz Crown das Schlafzimmer betrat. Sie hatte wie immer auf ihn gewartet. Ihre kleinen Brüste zeichneten sich unter dem dünnen Pyjama mit dem floralen Muster, welches er so hasste, deutlich ab. Tamiras Brüste waren klein und spitz. Eigentlich nicht gerade jene Art von Brüsten, die Luz Crown favorisierte. Er teilte die Frauen, vornehmlich Schauspielerinnen, anhand der Form ihrer Brüste, in tauglich und untauglich ein. Tauglich waren: Catherine Zeta-Jones, Gretchen Mol, und Scarlett Johansson; untauglich waren: Mireille Darc, Julie Christie, Jane Birkin und Kathleen Turner. Luz Crown sah Tamira lange nachdenklich an. Er war eifrig bemüht, herauszufinden, warum er sie liebte und wo es mit ihnen in nächster Zeit hingehen würde. Tamira blickte auf und sah ihn an; sanft und eindringlich: "Du bist spät!". Sie sagte diesen Satz, jede Nacht, wenn er, von den Küssen der älteren Damen geschwächt, nach Hause kam, die Kleidung abstreifte und diese noch zum Lüften auf den Balkon hinaus hing. "Mick Jørgensen war da", antwortete Luz Crown tonlos, und er bereute es im nächsten Moment, diesen Namen ausgesprochen zu haben. Tamira sah es nicht gern, wenn er sich mit Mick Jørgensen traf, denn Sie wusste, er würde versuchen, Luz Crown zum Singen zu überreden und es wäre nicht das erste Mal, dass sie ihm deswegen Vorhaltungen macht. "Und?", fragte Tamira hörbar verärgert. "Wir fahren nach Rømø, ins Strandhaus. Morgen früh!", gab er kurz zurück. Erst jetzt nahm Luz Crown den scharfen Geruch von Reinigungsbenzin wahr, der den Raum erfüllte. Bestimmt hatte Tamira den ganzen Abend lang an einer ihrer Silikon-Rekonstruktionen gearbeitet und sich dann die Materialreste mit reichlich Reinigungsbenzin von den Fingern entfernt. Luz war der Meinung, sie werde sich ihre Haut ruinieren, doch Tamira sagte nur, sie könne nicht mit Schutzhandschuhen arbeiten. Luz Crown bewunderte ihre Fähigkeiten als Bildhauerin. Nach dem Studium an der Kunstakademie Hamburg hatte sie eine Anstellung am hiesigen Panoptikum angenommen, wo es ihre Aufgabe war, möglichst detailgetreu, Tonköpfe von Prominenten anzufertigen, von denen dann Abgüsse aus Wachs erstellt wurden. Sie experimentierte bald mit anderen Materialien weil sich die Hautoberfläche mit Wachs nicht nach ihren Vorstellungen nachbilden ließ. Sie begann einzusehen, dass man den menschlichen Körper am Besten von Grund auf nachbaut. Skelett, Muskeln, eine Schicht Haut aus weichem weißem Kunststoff darüber. Macht man dann einen Silikonabdruck, erhält man fast schon einen lebensechten Menschen. Es sei unerlässlich sich diese Arbeit zu machen, behauptete Tamita - alles andere sei unbefriedigend. Tamira war immer schon Detailversessen gewesen - so hatte Luz Crown sie kennen gelernt. Langsam, in vielen Einzelschichten, baute sie ihre lebensgroßen Silikon-Rekonstruktionen auf. Selbst die Haare, eine Mischung aus Haaren von Moschusochsen, Katzen und Menschen, wurden von ihr einzeln, mittels einer feinen Stahlnadel, in die Kopfhaut aus Gummi implantiert. Sie konnte ganze Nächte lang Haare einstechen, und sie hörte dabei Händel oder Vivaldi. Luz Crown half Ihr manchmal dabei, obwohl er sich vor den Silikonköpfen ekelte, wenn es nicht gerade galt, Haare in den Kopf einer schönen Mulattin zu implantieren - was äußerst selten vorkam. Meist bekam Tamita ihre Aufträge von neureichen Jungunternehmern, die ihre ganze Familie lebensecht nachbilden ließen oder von ältlichen Bonzen, die sich nackt, etwas jünger und muskulöser darstellen ließen, als sie tatsächlich waren und die ihre Silikon-Rekonstruktion dann einer jungen Freundin schenkten. Kürzlich entstand in Tamiras Händen sogar die Nachbildung eines emeritierten Kardinals, der sich seiner weltlichen Macht vergewissern wollte, und dem hierfür sein eigenes Spiegelbild zu kraftlos erschienen war. Luz Crown legte sich ins Bett. Er tätschelte Tamiras Schenkel. Sein Kopf tat weh. Die Atmosphäre war angespannt. Tamira zog sich aus und legte sich auf ihn. Sie wollte mit ihm schlafen. Ihre Zunge war saftig und spitz. Ihr Mund war klebrig und er schmeckte nach Anis und Fenchel, mit einem leicht bitteren Nachgeschmack. Tamira hatte zuviel Absinth getrunken. Sie hatte eine Vorliebe für dieses smaragdgrüne Zeug - das "Getränk der Künstler", wie sie behauptete. Luz Crown gab sich Tamiras Zärtlichkeiten hin. Ihm war klar, dass sie wieder alles versuchen würde, ihn zum Bleiben zu bewegen. Er spürte Lippen, Zähne, Gaumen. Er spürte die Müdigkeit. Wer reich ist, kann entspannt sein, war sein letzter Gedanke, bevor er einschlief.

 

 
  LESEN SIE AUCH  
  Grün ist die Hoffnung IV  
     
© 2002 - 2015 Jetzt-zeichnen-AG follow on facebook FOLGE AUF FACEBOOK
  anteil (at) jetzt-zeichnen-ag.de