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SELBSTBILDNIS LUZ CROWN CRIME STORIES
words

Grün ist die Hoffnung

CRIME STORIES

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IV

Luz Crown erwachte. Tamira saß im Bett, genau wie letzte Nacht, als er nach Hause gekommen war, die Einkaufsliste auf den angewinkelten Knien, den Bleistift zwischen den Schneidezähnen eingeklemmt und nachdenklich den Blick zur Decke gewandt. Sie sah noch recht verschlafen aus an diesem Morgen, doch sie gehörte nicht zu jenen Frauen, die sich nach dem Erwachen erst mühevoll schminken mussten, um einigermaßen ansehnlich auszusehen. Tamira tat immer nur das Nötigste, aber das war genug. Luz Crown hatte sich damals, als sie sich kennengelernt hatten, erst am Morgen, nach ihrer ersten gemeinsamen Liebesnacht, in Tamira verliebt, als sie noch schlief, er sie lange anblickte und sich wunderte, wie locker sie die Anstrengungen der vergangen Nacht weggesteckt hatte. Ihr Gesicht sah so frisch aus, wie am Abend zuvor, ohne jegliche Anzeichen von Verbrauchtheit, obwohl es eine lange Nacht gegeben hatte, damals, im "Lady Bump". Tamira war mit einer Freundin in die Bar gekommen. Sie war Luz Crown sofort aufgefallen. Er hatte vergeblich versucht, während er auf besonderen Wunsch einer der anwesenden älteren Damen den Song You´re So Young And Beautiful vortrug, ihr Alter zu bestimmen. Zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig, grenzte er schließlich ein. Später, als sie an der Bar saßen, flüsterte sie ihm ins Ohr, sie liege genau zwischendrin, zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig. Sie nippte an ihrem Absinth und küsste ihn, mit einer Zungentechnik, die er genauso wenig einzuschätzen vermochte, wie ihr Alter. Sein bisheriger Erfahrungsschatz reichte hierfür bei weitem nicht aus. Er gab sich dem Geschmack ihres Mundraumes hin. Ein Geschmack, der ihn gefangen nahm, so dass er schnell alle Vorsicht ablegte, die er üblicherweise Frauen gegenüber walten ließ. Verliebt war er zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht gewesen, dafür schmeckte Tamiras Mundraum etwas zu bitter. Nicht einmal nachdem sie miteinander geschlafen hatten, war er in sie verliebt gewesen, dafür schmeckte auch alles andere an ihr etwas zu bitter. Erst am nächsten Morgen, als sie ihm ungeniert erklärte, dass sein Gesang sie nicht interessieren würde und dass sie ihn einzig und allein wegen seiner Hände angesprochen habe, weil diese so fein geschnitten seien und dass sie sich nur mit Männern einlassen könne, mit Händen, wie er sie habe, glaubte er, sich in Tamira verliebt zu haben. Über zwei Jahre war es nun schon her, dass er Tamira kennen gelernt hatte, doch auch jetzt, neben Tamira im Bett liegend, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen, ob er sie wirklich liebte oder ob er lediglich ihre Komplimente gerne hörte, die sie ihm wegen seiner Hände zu machen pflegte.
Luz Crown stand wortlos auf und ging ins Badezimmer. Der erste Blick in den Spiegel zeigte ihm, dass sich nichts verändert hatte. Die Falten auf der Stirn schienen heute Morgen noch ein kleinwenig ausgeprägter zu sein. Daran konnte er sich nicht gewöhnen. Genauso wenig, wie er sich an die grauen Schläfen gewöhnen konnte. Schwarzkopf hatte zwar ein Produkt im Angebot: Men Perfect - das erste Anti-Grau Tönungsgel mit dem innovativen 5-Minuten-Speed-System, doch die grauen Stellen zu tönen kam nicht in Frage. Luz Crown wusste von vielen männlichen Personen, die in der Öffentlichkeit standen, dass sie sich die grauen Stellen tönen ließen, doch wenn man sich nicht auch das Gesicht machen lasse, würde das Ergebnis mit Sicherheit nur lächerlich aussehen, behauptete Tamira, und so schnitt er sich lieber mit einem BRAUN cruZer Z6 die Haare alle vierzehn Tage kurz. Luz Crown hob die Hände und betrachtete sie im Spiegel. Er erinnerte sich an seine Jugendzeit, als er begonnen hatte, auf der klassischen Gitarre zu üben. Die Spreizung zwischen Mittelfinger und Ringfinger, der linken Hand, wollte ihm schon damals nicht gelingen. Mit diversen Dehnübungen versuchte er seither diese Spreizung zu verbessern, doch er stieß dabei immer wieder an seine physischen Grenzen. Sein damaliger Gitarrenlehrer, der ein groß gewachsener Kerl war und wirklich riesige Hände hatte, behauptete, man könne die klassische Gitarre nur beherrschen, wenn man Bauernpratzen habe, was er meist dadurch verdeutlichte, dass er zu Beginn des Unterrichts Augustin Barrios Mangore´s Vals No 3 vorspielte. Luz Crown konnte es kaum glauben, dass ein grobschlächtiger Hüne, wie sein damaliger Gitarrenlehrer einer war, derart feinmotorisch perfekte Fingerbewegungen ausführen konnte. Obwohl er nie, auch nicht durch das jahrelange Schleppen von Kokainsäcken für seinen, der kubanischen Drogenmafia angehörenden, Großvater, Bauernpratzen bekommen hatte, brachte es Luz Crown in der Folge zu einer, für seine Verhältnisse, sehr feinen Spieltechnik, die es ihm - wenn auch bereits fünfunddreißigjährig, also nicht in einem Alter, in dem man noch einmal hinausfahren, sondern sein Glück bereits gemacht haben sollte - ermöglichte, auf der MS Columbus anzuheuern, die verführerisch im "Port of Miami" auf ihn wartete. Der Aushang der Reederei: Gitarrist mit soliden Kenntnissen harmonischer Feinheiten internationaler Folklore sowie mit der Fähigkeit zur differenzierten Behandlung der Klangfarben bei gelegentlicher Darbietung von Stücken der Komponisten Tárrega, Albéniz und Granados, aushilfsweise, für die Zeit der Überfahrt nach Hamburg, gesucht, hatte seine Fernwehgedanken so vehement verstärkt, dass er sich endlich in der Lage fühlte, Miami und das Bordell seiner Mutter, Richtung Europa, zu verlassen.
Tamira küsste ihn auf den Hals. Luz Crown ließ seine Hände sinken, trocknete sich ab und verließ das Badezimmer. Ob er nicht wenigstens diesmal bleiben könne, fragte ihn Tamira erwartungsgemäß, als sie beide am Frühstückstisch saßen, er hätte schließlich versprochen, ihr bei den Haaren von Frida Kahlo behilflich zu sein, bedrängte sie ihn.
Luz Crown erinnerte sich, dass Tamira zurzeit einen halb fertigen Silikonkörper im Atelier stehen hatte, der eine Rekonstruktion von Frida Kahlo werden sollte und dass er mit ihr vereinbart hatte, baldmöglichst Frida Kahlo die Haare zu machen. Den Auftrag hatte Tamira von einem wohlhabenden Liebhaber des Surrealismus aus Pforzheim erhalten, der allerdings darauf bestanden hatte, dass Frida Kahlos Nachbildung, bis ins Kleinste, wie Salma Hayek auszusehen habe und dass sie darüber hinaus nackt darzustellen sei. Anfangs hatte Tamira mit dem Gedanken gespielt, den Auftrag abzulehnen, da ihr die Detailtreue bei Ihrer Arbeit über alles ging. Erst als der Auftraggeber ihr zugestand, dass sie sich wenigstens bei der Realisierung der Körperbehaarung am Original orientieren dürfe, willigte sie ein. Vor zwei Tagen hatten Tamira und Luz Crown, gemeinsam, den Silikonkörper Frida Kahlos von seiner unförmigen mehrere Zentimeter dicken Abguss-Form befreit. Vor ihnen lag eine perfekte Nachbildung von Salma Hayek - aber natürlich noch völlig unbehaart.
Um Frida Kahlo die Haare einzusetzen, sei er für sie unentbehrlich, versuchte Tamira Luz Crown zu überzeugen, der ihr zusah, wie sie sich einen großen Löffel Auberginencreme aufs Brot schmierte. Angewidert wandte Luz Crown den Blick ab. Er begann Tamiras Einkaufsliste zu lesen, die neben ihr auf dem Tisch lag:
500 g Glasfaserschnitzel 6 mm
40 Stück Latexhandschuhe, weiß, gepudert
1 Atemschutzmaske Easylook 7000
1 Paar Gasfilter A1B1E1K1
15 Flachpinsel 20 mm
10 Flachpinsel 40 mm
1 Sechserset Modellierschlingen
5 kg Abformmasse Sicovoss RF Silikon
500 ml Orangen-Terpenöl

Die Wohnungsklingel trompetete wie immer die ersten vier Takte des Stückes Air aus der 3. Orchestersuite von Johann Sebastian Bach, gespielt von Til Brönner. Luz Crown küsste Tamira auf die Wange und bat sie mit den Haaren Frida Kahlos zu warten, bis er wieder zurück sei. Daraufhin verließ er mit seinem Gitarrenkoffer und einer kleinen Gepäcktasche das Haus. Der Nieselregen hatte sich in der Stadt festgesetzt. Er war froh, dass er seinen Gitarrenkoffer verstaut hatte und auf dem Beifahrersitz von Mick Jørgensens Pontiac Bonneville LPG, einem Straßenschiff aus dem Jahr 1987, platznehmen konnte. Autofahren, auf dem Beifahrersitz, ist immer eine sehr angenehme Sache. Man blickt in weite Landschaften und in blitzendes Licht. Die Gedanken kreisen und es gibt stundenlang keine Veranlassung irgendwelche Dinge zu konkretisieren. Vielleicht könnte er während der Fahrt ins Strandhaus, etwas klarer sehen, was Tamira und ihn betraf, dachte Luz Crown. Der Verkehr auf der A7 war flüssig. Nachdem Luz Crown über eine Stunde lang nur aus dem Seitenfenster geblickt und nichts gesprochen hatte, erkundigte sich Mick Jørgensen nach dessen Befinden, was er erst wieder tat, als sie die Grenze zu Dänemark bereits lange hinter sich gelassen hatten.

 

 

 
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