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SELBSTBILDNIS LUZ CROWN CRIME STORIES
words

Grün ist die Hoffnung

CRIME STORIES

2

 

 

V

Luz Crown wurde an Land gezeugt, und wäre der Begriff im Laufe der Menschheitsgeschichte, von Machtbesessenen unterschiedlichster Couleur und von Predigern verschiedenster Glaubensrichtungen, nicht über die Maßen fehlgedeutet und missbraucht worden, könnte man die Umstände, welche zur Zeugung Luz Crowns geführt hatten, guten Gewissens als Vorsehung bezeichnen, denn an einem sehr stürmischen Novembernachmittag des Jahres 1961, wurde vor der Küste Kubas, auf Höhe der Stadt Havanna, ein deutsches Segelschulschiff gesichtet, das in Not geraten war. Vom Panamakanal kommend, mit Kurs in Richtung Florida, wurden die Seeleute von Starkwind mit über vierzig Knoten und dem dazu gehörigen hohen Seegang überrascht. Die Offiziere verfielen, während die Segel zerfetzten und davonflogen, reihenweise in heillose Panik, und sie verkrochen sich, in dem Glauben, den sicheren Tod vor Augen zu haben, allesamt in der Schiffsmesse, um ein letztes Mahl einzunehmen. Einzig der junge Kadett Tom Lennart Kroning, aus Hamburg-Altona, reagierte an Deck mit der erforderlichen seemännischen Gelassenheit. Er schickte die Bedienmannschaft in die Wanten und lies alles Zeug, bis auf die notwendige Sturmbesegelung reffen. Dann besetzte er den Ruderstand und steuerte die Bark eigenhändig, durch die hohe brandende See und Dünung, in den schützenden Hafen von Havanna.
Die Bewohner der Stadt hatten von Land aus, mit ergriffener Spannung, den mehrstündigen Kampf des kaum noch seetüchtigen Schiffes verfolgt, und als es der arg dezimierten Mannschaft dann endlich gelungen war, im Hafen festzumachen, zeigte man sich ganz und gar südländisch, indem man nicht mit Beifall für Tom Lennart Kroning und die anderen Kadetten geizte, die Offiziere, die kleinlaut aus den Niedergängen heraufgekrochen kamen, verprügelte und einige Wochen lang, allabendlich, in den Straßen von Havanna rauschende Feste feierte. Die Kunde vom wagemutigen Handeln der jungen Helden machte nicht nur in der Küstenregion schnell die Runde. Sogar aus dem höher gelegenen Hinterland wurden die Mädchen, in Scharen, von ihren Vätern nach Havanna gebracht, wo sie ihre Dienste bei den deutschen Kadetten anbieten und so das spärliche Jahreseinkommen ihrer Familien aufbessern sollten.
Auch Anna Fernanda Ortiz, die Tochter verarmter europäischer Kolonialherren, wurde von ihrem Vater aus den Bergen der Sierra de Escambray ins ferne Havanna heruntergebracht. Als Anna Fernanda Ortiz die Hafenbar betrat und den Kadetten Tom Lennart Kroning sah, der auch an jenem Abend, wie schon all die Abende zuvor, in fröhlicher Männerrunde, die Rettung seiner Bark feierte, verliebte sie sich sofort in ihn und auch Tom Lennart Kroning selbst lies der Anblick des rotblonden wilden Mädchens nicht mehr los. Für ein paar Kubanische Pesos steckte ihm der Wirt den Schlüssel seines Sommerhauses zu, und in einem gut erhaltenen alten Ford fuhr Tom Lennart Kroning mit Anna Fernanda Ortiz, auf schlecht befestigten Straßen, hinaus, zu den Playas de Este. Eng aneinander geschmiegt genossen sie beide die grandiose Aussicht auf den Golf von Mexiko, und sie verbrachten, im Sommerhaus des Wirtes, eine sorglose Liebesnacht.
Im darauf folgenden Sommer wurde auf einem Passagierdampfer, während der Passage von Havanna nach Miami, ein Junge, mit dem Namen Luther Luisito Kroning Ortiz, geboren. Der Kadett Tom Lennart Kroning, der an die harte Arbeit an Deck gewohnt war, beteiligte sich aktiv an der Geburt seines Sohnes, indem er, auf das immer wiederkehrende Kommando: »Pull!«, das der erste Offizier und der Schiffsarzt, im Rhythmus der Presswehen herausschrien, kräftig am Kopf des Säuglings zog und diesen also eigenhändig aus dem Mutterleib befreite. Er zögerte auch nicht, sich aus freien Stücken zu seiner Vaterschaft zu bekennen, doch je länger er die ihm so vertraute salzige Seeluft einatmete, desto mehr wurde ihm klar, dass er nicht die Kraft dazu aufbringen würde, sich dem Leben als Familienoberhaupt, mit all den damit verbundenen Erwartungen, stellen zu können. Kaum war Key Biscayne gesichtet, küsste Tom Lennart Kroning den kleinen Luther Luisito liebevoll auf die Stirn, unterzeichnete dessen Geburtsurkunde und verabschiedete sich (unter Tränen) von Anna Fernanda Ortiz. Nach der Ankunft im Port of Miami, verschwand er zielstrebig in Richtung Containerhafen, wo er kurzerhand auf einem Bananen-Frachter anheuerte, der ihn zurück nach Hamburg-Altona brachte.
Anna Fernanda Ortiz, von ihrer Familie wegen des unehelichen Kindes verstoßen, blieb mit dem kleinen Luther Luisito in Miami, um das zu tun, was sie am besten konnte: »Salsa tanzen«. Als Luther Luisito kaum vier Jahre alt war, ließ sich seine Mutter mit einem ungebildeten Kerl aus Pasadena ein, den er nicht leiden konnte. Anna Fernanda Ortiz musste sehr verliebt gewesen sein, denn sie schickte ihren Sohn zurück, nach Havanna, zu den Großeltern, wo er sich schnell an das dauerhaft angenehme Klima gewöhnte. Sein Großvater führte Luther Luisito zielstrebig in die Gesellschaft der Drogenmafia von Havanna ein, worauf man ihn mit schweren Päckchen belud, die mit weißem Pulver gefüllt waren und ihn auf sehr geheime Botengänge schickte. Es war ein feines Leben das Luther Luisito während dieser Jahre in Havanna führte. Die Familie seiner Mutter genoss hohes Ansehen in der Stadt, was ihm seine ersten scheuen Kontakte mit den schönen Mädchen der Stadt erheblich erleichterte. Eines Abends packten seine Großeltern überstürzt ihre Sachen verabschiedeten sich unter hinlänglich bekannten Mitleidsbekundungen von ihrem Enkelsohn und zogen, ohne weitere Erklärungen, zurück in die Berge der Sierra de Escambray. Luther Luisito blieb allein zurück. Bald hatte er mit den Dogengeschäften nicht mehr viel im Sinn und so begann er, um sich von seiner wenig geliebten Erwerbstätigkeit abzulenken, zu singen. Er vertrieb sich die Nächte in den Salsaclubs der Stadt, wo er den schönen Mädchen zusah, die sich zur Musik bewegten. Tagsüber dachte sich Luther Luisito Lieder aus; nachts summte er diese leise vor sich hin.
Im Alter von siebzehn Jahren kehrte auch er Havanna den Rücken. Er ging nach Miami, wo er seine Mutter wiederfand. Sie wohnte mittlerweile nicht mehr in jener elenden Gegend, die er noch aus seiner frühen Kindheit kannte, in der sich die farbigen Großfamilien auch noch nachts um drei, mit unverminderter Lautstärke, gegenseitig anzuschreien pflegten und die dünnen Holzwände der Wohnbaracken erzittern ließen. Anna Fernanda Ortiz hatte, nach einigen gescheiterten Liebesbeziehungen, ein gut gehendes kleines Edelbordell in der Nähe des »Four Seasons Hotel Miami« eröffnet. Auf einem ihrer roten Samtbetten erzählte sie Luther Luisito - soweit sie sich noch erinnern konnte - die Geschichte von seinem Vater, dem Kadetten Tom Lennart Kroning und da Luther Luisito nichts Besseres zu tun hatte, machte er sich im Hause seiner Mutter nützlich. Er brachte die marode Hausinstallation in Ordnung, überwachte die Champagnervorräte, wechselte regelmäßig rote Samtbezüge und machte geheime Botengänge für die im Bordell arbeitenden Damen. Diese lernten mit der Zeit die verlässliche Diskretion des gut gebauten jungen Mannes zu schätzen und er hatte bald die freie Auswahl unter ihnen - vielmehr hätte er die freie Auswahl unter ihnen haben können, nahm sie jedoch nie in Anspruch, da er sich immer wieder für Isabel, das rotblonde wilde Mädchen aus Barraquilla entschied. Isabel studierte an der Florida International University, wo sie auch ihre erste Berührung mit der käuflichen Liebe hatte, als ihr nämlich ein schon etwas älterer Hochschullehrer seine Hilfestellung für eine mündliche Prüfung anbot und als Gegenleistung dafür keine Dollars annehmen wollte, sondern von ihr verlangte, eine längere sexuelle Beziehung mit ihm einzugehen. Isabel stattete sich daraufhin mit Bild- und Tonaufnahmegeräten aus und verkaufte die Aufzeichnungen ihrer geheimen Treffen an einen privaten TV-Sender, was dem Hochschullehrer seinen Job kostete. Nach dieser Erfahrung war sie dazu übergegangen, für die Dienste der Hochschullehrer nur noch mit Dollars zu bezahlen, die sie sich im Bordell von Luther Luisitos Mutter verdiente. Es sei doch schließlich nichts dabei, erklärte sie Luther Luisito, streifte ihm, auf dem roten Samtbett, die weißen Flanellhosen herunter und er genoss in vollen Zügen ihren professionellen kraftvollen Liebesdienst. Irgendwann, als Isabel, nach getaner Arbeit, leise vor sich hin singend, in seinen Armen lag, überzeugte er sie davon, dass sie sich die nötigen Dollars künftig mit ihrer wohlklingenden Stimme verdienen sollte.

Luther Luisito Kroning Ortiz nannte sich nun: Luther [Luz] Crown und er gründete die Band:
»Luz Crown & the Miami-Dolls«.

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