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SELBSTBILDNIS LUZ CROWN CRIME STORIES
words

Grün ist die Hoffnung

CRIME STORIES

2

 

 

VI

Sie liefen über Dünen, stemmten sich gegen Windböen, sie trotzten dem heranpeitschenden Regen, und sie genossen das laute Rauschen der meterhoch anrollenden Wellen. Die Strandtour gehörte zu einer Art Routine. Sie war für Mick Jørgensen und Luz Crown fast schon zu einem reinigenden Ritual geworden, das sie stets unmittelbar nach ihrer Ankunft hier, auf der Insel Rømø, vollzogen. Es bedurfte keines einzigen Wortes; wie gesagt: es war Routine. Mick Jørgensen hatte das Strandhaus in mehrjähriger, mühevoller Kleinarbeit renoviert und auf modernen Standard gebracht. Mit der schwarz gestrichenen sägerauhen Holzschalung und dem flach geneigten dunklen Blechdach, das kaum über die Dünen hinausragte, wirkte es wie ein immer schon da gewesener Bestandteil der Landschaft. Das Innere des Hauses war, in bester skandinavischer Handwerkstraditon, komplett mit Birma-Teakholz ausgebaut.
Mick Jørgensen und Luz Crown kehrten erst nach Stunden wieder zum Strandhaus zurück. Sie legten ihre durchnässten Trenchcoats ab. Von Westen her prasselte der Regen fast horizontal gegen die große Panoramascheibe. Wegen seiner soliden Bauweise trotzte das Strandhaus problemlos der Witterung. Lediglich aus der Deckenverschalung des schon seit einiger Zeit undichten Daches tropften, bei Starkregen und von Süden kommenden Winden, einzelne Wassertropfen in einen eigens dafür bereitgestellten Blecheimer. Es wäre wohl kein großer Aufwand gewesen, aufs Dach zu steigen und die undichte Stelle ausfindig zu machen, hätte Mick Jørgensen nicht im letzten Jahr beschlossen, den Ausbau des Strandhauses, welchen er vor gut zehn Jahren begonnen hatte, für beendet zu erklären. Abschließend hatte er ein tierähnliches Bronzeobjekt auf dem Teakholz-Sideboard platziert, und anschließen keinerlei handwerkliche Tätigkeiten mehr ausgeführt. Mick Jørgensen hatte zwar ein Faible für das Selbstgemachte, die Arbeit mit Handwerkszeug würde seinem Gitarrenspiel jedoch in beträchtlichem Maße schaden, behauptete er - jedenfalls hatte er sich während der Renovierung des Strandhauses ständig über abgebrochene Fingernägel an seiner rechten Hand beklagt.
Mick Jørgensen stand auf und goss sich ein Glas Scotch ein. "Bourbon, mit Eis?", fragte er. Luz Crown nickte. Er kam zur Bar herüber und bediente sich. Mick Jørgensen nahm sein Glas, ging zum Panoramafenster und blickte aufs aufgewühlte Meer hinaus. "Ich habe die letzten Monate viel Zeit hier im Strandhaus verbracht", begann Mick Jørgensen. Mit Bedacht versuchte er seine Ausführungen in eine gewisse Richtung zu lenken. Wenn er Luz Crown von seinen Ideen überzeugen wollte, was bei dessen derzeitiger Gemütsverfassung nicht leicht sein würde, wie er wusste, dann musste er taktieren. Mick Jørgensen erzählte von seinen neuen Songs, die er geschrieben hatte. Er beschrieb die neuen Arrangements und er versuchte an alte Zeiten zu erinnern, an jene Zeiten, in denen Luz Crown noch mit seiner früheren Band aufgetreten war. Luz Crown´s Stimmung schien sich allmählich zu aufzuhellen. Er nickte zustimmend, als Mick Jørgensen forderte, dass es für sie beide noch eine letzte Chance geben könnte, Erfolg zu haben, und dass man hierfür auf die "Revival-Welle" aufspringen müsse, welche in der gesamten Musikbranche zurzeit tobe. Ein leichtes Zucken über Luz Crown´s Augenliedern verriet Mick Jørgensen, dass er ihn fast schon an der Angel hatte, und dass er jetzt nachlegen konnte. Er wolle ein "Band Revival" auf die Beine stellen, er habe eine Musikrevue ausgearbeitet, in der Luz Crown Hauptdarsteller sein würde, erklärte er. Als Mick Jørgensen zur Bar herüberkam, stand Luz Crown immer noch da und beobachtete, wie der Burbon die Eiswürfel in seinem Glas auffraß. Mick Jørgensen schob Luz Crown einen Flyer hinüber: "95 mm breit und 210 mm hoch, 190-Gramm-Papier, seidenmatt". Unverkennbar war Luz Crown in Ganzkörperaufnahme darauf zu sehen. Er war mit einem anthrazitfarbenen Anzug und weißem Hemd (ohne Schlips) gekleidet. Das rechte Bein war lässig auf der Sitzfläche eines zeitlos-eleganten Wiener Kaffeehaus-Stuhls aus schwarz lackiertem Bugholz aufgestellt, so dass eine knöchelhoch geschnittene cognacfarbene Stiefelette beachtlich in Erscheinung treten konnte. Neben Luz Crown, der Bassist, mit bernsteinfarbenem Instrument, hinter ihm ein Schlagzeug mit dunkelhäutigem Drummer, ein Gitarrist mit einer "Gretsch Silver Falcon" und ein pausbäckiger kleiner Mann mit blankgeputztem Saxophon. Luz Crown war eingerahmt von zwei blutjungen Mädchen, die sich von beiden Seiten an seine Schultern anlehnen und die gewagt geschnittene rote Abendkleider trugen. "Luz Crown & the Pasadena-Girls, A delightful show. A musical message that sends you back to a time when the world was a simpler and gentler place!". So pries der Flyer jene Band an, die Luz Crown vor ein paar Minuten noch nicht einmal gekannt hatte. Er konnte kaum glauben, was auf dem Flyer zu lesen war. Weder hatte er je solcherart Kleider getragen, noch war er je mit einer Vier-Mann-Combo und zwei Begleitsängerinnen abgelichtet worden. "Bin das ich?", fragte er völlig überrascht. "Das bist du! Und: Das ist deine Band!" Mick Jørgensen setzte sich ans Klavier und spielte die ersten Akkorde. Er hatte alle neuen Songs bereits alle im Kopf. Er habe einen Vorvertrag mit Hapag-Lloyd für eine Show auf der MS Europa in der Tasche, wie er Luz Crown erklärte. Im Sommer nächsten Jahres habe man auf der Fahrt von Nizza nach Madeira ein Engagement für zwei Abende und im Herbst stehe dann, wenn alles gut läuft, Kuba auf dem Programm. Eine Musikrevue würde es werden. Musikalisch solle es ein Mix sein, aus bekannten Evergreens und neuen, von Mick Jørgensen komponierten Songs. Ein Rückblick auf vergangene Zeiten solle es sein, und ganz nebenbei würden sie ihre eigenen neuen Songs im Programm haben, die letzten Endes die Show ausmachen würden. Luz Crown werde einen Sänger darstellen, der schon bessere Zeiten erlebt hat, damals in Amerika, mit seiner eigenen Band. Nun, im fortgeschrittenen Alter wolle er nochmals an alte Erfolge anknüpfen und zu diesem Zweck habe er seine ehemaligen Bandmitglieder, alles Männer im fortgeschrittenen Alter, wieder auf die Bühne geholt. Nur die Mädchen von damals müsse man gegen jüngere austauschen, sei die Bedingung des Veranstalters gewesen, wie Mick Jørgensen berichtete. Er spielte noch ein paar Takte bevor er Luz Crown Skizzen des vorgesehenen Bühnenbildes zeigte.
"Aber ich hatte keine Erfolge in Amerika und außerdem nannten wir uns nicht "Luz Crown & the Pasadena-Girls" sondern "Luz Crown & the Miami-Dolls", gab Luz Crown zu bedenken. Pasadena-Girls passe besser habe der "Raini"" Schmelzer von der Werbeagentur behauptet, den er gebeten hatte, einen Flyer zu machen, führte Mick Jørgensen weiter aus. Ob Luz Crown eine Band hatte und ob diese Erfolg hatte, in Amerika und ob es die Pasadena-Girls oder die Miami-Dolls gewesen waren, die damals mit ihm gesunden haben, das sei völlig egal, behauptete Mick Jørgensen. "Raini"" Schmelzer müsse einige digital retuschierte Fotos von Luz Crown´s ehemaligen Band auf diversen Internetseiten platzieren und er müsse Luz Crown´s Lebensgeschichte etwas interessanter gestalten und im Netz verbreiten. Alles Andere sei "Revival-Fieber" und Photoshopbearbeitung, erklärte Mick Jørgensen. Lachend hielt er Luz Crown nochmals den Flyer, auf dem eine Band zu sehen war, mit welcher dieser noch nie gespielt hatte, unter die Nase. Luz Crown gab sich beeindruckt, und er begann sich schon auszumalen, wie es sein würde, im Abendprogramm auf einem Kreuzfahrtschiff aufzutreten, zusammen mit vier Herren im fortgeschrittenen Alter und zwei blutjungen dänischen Begleitsängerinnen.

 

 
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