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SELBSTBILDNIS LUZ CROWN CRIME STORIES
words

Grün ist die Hoffnung

CRIME STORIES

2

 

 

VII

Luz Crown war froh, dass er zugesagt hatte, hierher ins Strandhaus mitzufahren. Den ganzen Abend hindurch, bis spät in die Nacht hinein, probierten sie Mick Jørgensens neue Songs; solange, bis auch frisch gebrühter Fencheltee nichts mehr half und Luz Crowns Stimme endgültig versagte. Am darauffolgenden Tag besserte sich das Wetter. Nachmittags machten sich Mick Jørgensen und Luz Crown ziemlich entspannt an einigen Jazz-Standards zu schaffen. Es war noch nicht spät, aber es begann bereits zu dämmern, als sie einen Wagen in die fein bekieste Einfahrt einbiegen hörten. Das könne nur das Taxi mit den Begleitsängerinnen sein, vermutete Mick Jørgensen. Er ging nach draußen und kam kurze Zeit später mit zwei blutjungen Mädchen, die sich rechts und links bei ihm eingehakt hatten, zurück. Auch ohne ihre roten Abendkleider machten sie eine gute Figur. Daggi und Vivi waren trotz ihrer Jugend alles andere als schüchtern, glaubte Luz Crown schon nach wenigen Minuten sagen zu können. Vivi war blond und blauäugig. Ihr Körper war perfekt proportioniert und ihre Haut hatte einen ansprechenden Teint. Sie hätte ohne weiteres als Model für Abercrombie & Fitch durchgehen können. Daggi hingegen hatte braune Augen und dunkles, weich glänzendes Haar. Ihre Hüften waren breiter und ihre Brüste waren größer als jene von Vivi. Vielleicht hatte Daggi mexikanische Wurzeln, mutmaßte Luz Crown. Er musste sofort an die in Hamburg liegende Frida Kahlo denken. Er würde Tamira anrufen und sie nochmals darum bitten, mit dem Einsetzen der Körperhaare auf ihn zu warten. "Das Bad ist oben, wenn ihr euch umziehen wollt", schlug Mick Jørgensen vor. Die Mädchen schnappten sich ihre Taschen und verschwanden für eine Weile. Vivi ließ sich als erste wieder blicken. Sie trug nun weiße Shorts und ein rosafarbenes rüschenbesetztes Top, das ihren perfekt trainierten Bauch freigab. Wenig später folgte ihr Daggi nach, mit enganliegender Jeans und einem schwarzen ärmellosen Rolli-Pullover. Sie blieb verwundert vor den Fotografien stehen, die entlang der Treppe an der Wand hingen. Es waren Fotografien Tamiras, die sie Mick Jørgensen, zum Abschluss der Renovierung seines Strandhauses, geschenkt hatte. Tamira fotografierte seit ein paar Jahren unentwegt Zaunreihen verlassener Häuser. Sie schien richtiggehend magisch angezogen zu werden von diesen Zaunreihen, die für sie, exemplarisch, eine durch den Menschen (notwendigerweise) geschaffene Ordnung symbolisierten. Ockergelb, Grün, und Schwedenrot waren die vorherrschenden Farben. Es gab aber auch unbehandelt silbergrau schimmernde Zaunreihen, Zaunreihen, die mehr oder weniger intakt waren und Zaunreihen, die notdürftig von Metalldraht zusammen gehalten wurden. Für Luz Crown hatten die Zaunreihenbilder weder einen künstlerischen Wert, noch hielt er sie für besonders gut fotografiert. Was ihn daran besonders störte, war die Tatsache, dass sie bis ins Kleinste durchkonstruiert waren, ohne dass sie auch nur den geringsten Hauch von Zufälligkeit zuließen. Tamira hasste alles Unorganisierte. Sie hasste Überraschungen. Sie glaubte, alles könne im Chaos versinken, würde man nur ein einziges Mal kurzzeitig die Kontrolle verlieren. Sie musste sich immer sicher sein (nicht nur vorläufig). Sie liebte die Routinearbeit. Ein Zitat von Edward N. Lorenz, in einen schmalen goldenen Rahmen eingefasst, hing in ihrem Atelier an der Wand: "Does the flap of a butterfly's wings in Brazil set off a tornado in Texas?".

Luz Crown stellte sich neben Daggi und betrachtete mit ihr zusammen eines der Zaunreihenbilder. Unvermittelt fingen sie beide an zu lachen. Daggi, die sich mit ausgestrecktem Arm an der Wand abstützte, hatte stark ausgeprägte Achselbehaarung, so wie Luz Crown dies bereits vermutet hatte. Er näherte sich ihrer Achselhöhle, atmete tief ein und sog ihren leicht herben aber sehr frischen Körperduft ein. Ohne Vorwarnung wurde er von Daggis weiblichem Aroma übermannt. Er dachte an eine sehr schöne Stelle in Emil Zolas Roman "Das Paradies der Frauen", in der eine gewisse Frau Deforges, indem sie bei der Anprobe von Lederhandschuhen ein Gemisch von Wildgeruch und Moschus einatmet, eine sehr starke sexuelle Erregung erfährt; und auch Luz Crown dachte sofort daran, mit Daggi zu schlafen.

Körperhaare erstrecken sich beim Menschen, gerade so, wie bei den Tieren, auf die ganze Körperoberfläche. Nur bleiben die Haare an den meisten Stellen klein und farblos, so dass sie in der Regel bei oberflächlicher Betrachtung gar nicht gesehen werden und die mit ihnen besetzten Körperstellen als unbehaart, also nackt erscheinen. An bestimmten Körperstellen, an denen der Körpergeruch durch die dort übermäßig vorhandenen Duftdrüsen verstärkt auftritt, wie beispielsweise in den Achselhöhlen, bewirken Körperhaare eine Intensivierung der Geruchswahrnehmung.

Luz Crown hatte eine Vorliebe für den puren "odeur d ´amour" der Frauen. Er wusste bestens Bescheid über die Wirkung Körpergeruches als sexuelles Stimulationsmittel und so war es für ihn eine denkbar schlechte Nachricht als er kürzlich in einer Zeitschrift lesen musste, dass neuerdings buschige Achselhaare als ästhetischer Affront galten und dass die meisten jungen Mädchen sich ihre Körperhaare rasieren würden und dies nicht nur in den Achselhöhlen, an den Beinen, oder an den Augenbrauen, sondern vornehmlich im Genitalbereich. Darüber hinaus seien bei den jungen Mädchen Intimfrisuren beliebt, bei denen lediglich ein zwei Finger breiter Streifen des Schamhaares stehen bleibt und die, wie er allerdings zugeben musste, lustige Namen hatten, wie "Ticket métro" oder "Landing strip". Laut einer Studie des Rasierklingenherstellers Wilkinson würden sich fast siebzig Prozent der Frauen zwischen zwanzig und neunundzwanzig Jahren die Haare im Intimbereich und in den Achselhöhlen rasieren. Gleich auf der nächsten Seite der Glanzzeitschrift war zu lesen, dass die Körperhaarrasur keineswegs ein Privileg der Frauen sei. Junge Männer, die sich entschieden hätten, ihre Körperhaare zu rasieren, seien mit dem "Philips-Bodygroomer TT2040" bestens bedient. Für junge Männer, die sogar an eine dauerhafte Haarentfernung denken würden, stünde das "Philips Lumea Plus IPL Haarentfernungssystem TT3003" für den Heimgebrauch zur Verfügung. Hierbei würden die Haarwurzeln mit Lichtimpulsen behandelt, wodurch das Haar ausfällt und am Nachwachsen gehindert wird. Anwenden könne man das Gerät an den Beinen, an den Armen, unter den Achseln, an den Schultern, am Bauch, an der Brust, am Rücken und im Schambereich (mit Ausnahme des Hodensacks). Sehr beliebt sei auch die Methode des "Brazilian Waxing" zur Entfernung der Körperhaare mit Warmwachs im Intimbereich. "Brazilian Hollywood Man" in nur fünfzehn Minuten, versprach das Unternehmen "WAX IN THE CITY" auf einer ganzseitigen Anzeige großspurig.

Jeder Modetrend würde einmal vorüber gehen, hoffte Luz Crown. Er war sich sicher, dass über kurz oder lang wieder üppig wachsendes Körperhaar, wie dies schon in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts der Fall gewesen war, an Stellenwert gewinnen würde. Solange würde er alle Glattrasierten bedauern, die sich unter Zuhilfenahme diverser Parfüms, wie "Tendre Poison von Doir, Angel von Mugler, Private Number for Men von Aigner" oder "YSL pour homme von Yves Saint Laurent", ein Flair von Schönheit und Sinnlichkeit erkauften, bei denen sich aber in Wirklichkeit eine Art Geruchsblindheit und somit ein kompletter Interessensverlust an der Sexualität einzustellen begann.

Mick Jørgensen, der inzwischen ungeduldig geworden war, erkundigte sich, was die Mädchen zu singen wünschten. Den Mädchen war es gleichgültig, was sie singen sollten.
Vivi gab Daggi die Coca-Cola-Flasche weiter und sendete mit einem schmachtvoll dahingehauchten " … Moon river wider than a mile … " eine erste Botschaft.

Die nächsten zwei Tage waren geprägt von intensiver Probenarbeit. Spät in der Nacht versorgte Luz Crown die beiden Begleitsängerinnen regelmäßig mit ausreichend Scotch aus der Glaskaraffe. Die daraufhin aufkommende allgemeine Gelassenheit ermöglichte es, einige zaghafte intime Kontakte zu den beiden Begleitsängerinnen aufzubauen, wobei Mick Jørgensen mutmaßte, Daggi und Vivi würden ihre zweifellos vorhanden weiblichen Reize lediglich zu ihren Gunsten einsetzen, weil sie sich insgeheim erhofften, auf diese Weise einen Plattenvertrag zu ergattern. Er nahm umgehend seine gewohnt professionelle Haltung wieder ein und erklärte den Mädchen schließlich, es würde nicht leicht werden für sie, im Gesangsmetier etwas Nennenswertes zu erreichen. Dennoch habe er auch schon weit schlechtere Stimmen als die ihrigen gehört. Luz Crown erregte sich kurzzeitig über Mick Jørgensens etwas eigenwillige Art, den Mädchen Mut zuzusprechen. Diese brachen jedoch nicht in Tränen aus und Mick Jørgensen schlug vor, zusammen mit Daggi und Vivi, mit der Bahn nach Hamburg ins Studio zurück zu fahren um erste Probeaufnahmen zu machen. Luz Crown könne sich noch ein paar Tage der Ruhe hier im Strandhaus aussetzen, und er solle dann mit dem Wagen nachkommen. Am Spätvormittag des darauffolgenden Tages brachte Luz Crown die drei in Mick Jørgensens Pontiac hinüber zum Fährhafen nach Havneby. Nach einer kurzen Überfahrt nach Sylt würde sie die Nord-Ostsee-Bahn in innerhalb von drei Stunden zurück nach Hamburg bringen.

Nachdem Luz Crown bei Tamira angerufen hatte und diese seine Bitte ausgeschlagen hatte, mit dem Einsetzen der Haare von Frida Kahlo auf ihn zu warten, tat er zwei Tage lang nichts anderes, als Bourbon zu trinken und durch die große Panoramascheibe hindurch aufs Meer hinaus zu schauen. Am Morgen des dritten Tages nahm er Mick Jørgensens klappriges Fahrrad aus dem Schuppen und fuhr hinüber zur Bäckerei im nächsten Dorf. Er versorgte sich mit Brot und Gebäck und nachdem er bezahlt hatte fragte ihn die junge Bäckersfrau (er nahm an, dass es die Frau des Bäckers war, die ihn bediente) in gutem Deutsch: "Wollen Sie noch eine Schokoladenprobe?". Es war die beste Schokolade, die er je gegessen hatte. Als Luz Crown die Eingangstreppe der Bäckerei hinunterging klingelte sein Mobiltelefon. "Raini" Schmelzer von der Werbeagentur war am Apparat und er erzählte unglaubliches. Die Lokalpresse würde sich hier in Hamburg regelrecht überschlagen. In einem Gründerzeit-Hotel im Portugiesenviertel seien zwei Mädchenleichen gefunden worden. Alles würde auf einen Mord hindeuten. Der Tat dringend verdächtig sei der Musikproduzent und Komponist, Mick J., und auf dem Titelblatt der Hamburger Morgenpost sei ein halbseitiges Foto abgedruckt, so "Raini" Schmelzer weiter, auf dem man sehen könne, wie Mick Jørgensen von einem Großaufgebot an Polizeibeamten, in Handschellen, über die Pontonbrücke seines Musikstudios gezerrt wird. Luz Crown ließ "Raini" Schmelzer nicht ausreden. Er steckte seinen Apparat weg. Luz Crown ging zurück in die Bäckerei. Die Bäckersfrau hatte seinen verstörten Gesichtsausdruck bemerkt und fragte ihn, ob er noch eine Schokoladenprobe wünsche, doch er verneinte und bat sie lediglich, ihm noch ein paar Zimtschnecken einzupacken. Ohne ein weiteres Wort bezahlte er und verließ den Laden. Ein leises "Daggi" kam über seine Lippen und obwohl er weit davon entfernt war, ein gläubiger Mensch zu sein, begann er, als er mit Mick Jørgensens Fahrrad durch die Dünenlandschaft in Richtung Strandhaus zurück fuhr, leise zu beten.

 

 
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