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Die Notizen
BEOBACHTUNGEN DENKWÜRDIGKEITEN
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Beobachtungen eines unheilbaren Weltversessenen
von Jürgen Mick

     
     
   
 
Die vollständige Fassung ist als Buch erhältlich:
»Beobachtungen eines unheilbaren Weltversessenen«
56 Seiten
ISBN 9 783842 345362
 

 

Menschen überziehen die Welt mit Sinn. Sinnloses menschliches Leben kann es nicht geben. Deshalb verlangt es stets im Augenblick, da es eintritt, beendet zu werden.

An die ersten eigenen Schwimmversuche kann man sich meist nicht erinnern. Es war zu selbstverständlich! In diesem Alter trägt man noch einen Erfolg nach dem anderen nach Hause, man setzt sich danach wie selbstverständlich an den Kaffeetisch und verspürt nichts als die Lust auf Kuchenessen, als wäre alles wie immer. Unsere größten Erfolge geschehen ohne unsere Beachtung. Schon allein, wenn wir es auf diese Welt geschafft haben, haben wir das größte Wunder eigentlich hinter uns. Und das Selbstverständlichste steht am Schluss, unser Sterben. Und davor haben wir die größte Angst? Das Größte wiegt am Wenigsten. Die größten Taten tun sich von selbst; vielleicht haben sie sich auch überhaupt nicht zugetragen. Für die kleinsten Unternehmungen treiben wir den größten Aufwand an Vorbereitungen und empfinden die meiste Angst. Und nur, wenn wir gar nicht hinsehen, bleibt ein ungeahnter Abdruck von uns. Es will nicht gelingen die Momente des Lebens in der richtigen Dimension zu fassen. Wir machen uns unsere große Vorstellung vom Leben und währenddessen überleben wir lediglich; und das nur, weil wir ständig so gut daneben liegen, dass wir uns selbst nicht dabei erwischen, wie wir das Beste - ohne uns - erreichen. Nur durch unser Talent zum Irrtum bleiben wir hartnäckig in dieser Welt verhaftet.

Wir lernen nicht für das Leben. Nein, wir leben, nur um zu lernen, um zu leben. Unser Überleben ist das Lernen. Die Erweiterung der phylogenetisch überlieferten Fähigkeiten zu kulturellen Fähigkeiten und deren permanenter Aneignung und Ausdifferenzierung obliegt unserem Leben. Die Kunst des Lebens ist sich selbst zu erhalten, nämlich durch Fähigkeitszugewinn. Auf diese Weise ist es dem Menschen erlaubt, zur flexiblen Nischennutzung, sich selbst zu formen. Lernen ist unser Leben.

Es gibt nichts Lächerlicheres als Männer, die an Eistüten lecken.

Musik ist die richtige Zeit zu finden.

Der Erfolg der Wissenschaft liegt nicht darin die Welt zu erklären, sondern den Unsinn aus ihr zu vertreiben.

Leben heißt Sinn produzieren. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird so zum rekursiven Rückgriff auf ihr eigenes vorhanden sein. Die Antwort lautet immer: Der Sinn! Und die Zeit ist es, die ihn uns abnötigt.

Der Zufall komplettiert unsere rationale Welt - und macht sie auf diese Weise erträglich - wie einst Wildnis und Dämonen das Eingehegte ergänzten.

Sinnvolle Arbeit muss niemals fertig werden. Vielmehr kann man sie daran erkennen, dass sie nie zu Ende sein kann. Und sie kann in ihrer Vollendung nie die Zeit als Anlass haben. Denn die Zeit nötigte ihr Sinn ab. Deshalb kann Zeit niemals der Sinn unserer Arbeit sein, dies wäre tautologisch und für die Arbeit völlig ohne Sinn.

Früher waren Fremde die Unbekannten, heute sind es die Anderen.

Vielleicht kann die postmoderne Gesellschaft das Versprechen von Gleichheit und Freiheit auf diese Weise einlösen: Wenn Schichten und Klassen in der Gesellschaft aufgelöst werden von der Masse, dann kann Ungleichheit nicht mehr mit Ungerechtigkeit gleich gesetzt werden, weil die Herkunft und Zugehörigkeit nicht mehr dafür verantwortlich zeichnet, wie es einem ergeht.

"So denket um!" Das ist keineswegs zu viel verlangt, vielmehr noch, ist es in uns angelegt. Immer wieder denken die Menschen um. Das schizophrene daran ist nur, nach Vollendung eines jeden solchen Gedankensprunges landen sie wie immer wieder mit den Füßen auf dem Boden. So funktioniert Denken aus der Opposition, das heißt von der gegenüberliegenden Seite. Sind erneut alle dort angekommen, weiß wieder niemand weiter.

Die "Frage" ist nie unschuldig. Sie eröffnet das Feld, auf dem das Spiel ausgetragen werden soll. Sie wendet den Blick auf das Thema und gibt das Repertoire der Antworten vor. Sie kündet von den Intentionen des Fragenden; sie setzt Wissen bei ihm voraus. Die Frage schränkt ein und begrenzt die möglichen Antworten. Sie zeigt sich in der Gesatlet der Macht und als Feind, als Denunziant oder Freund. Sie klagt an und beschuldigt oder entlastet und befreit. Die "Frage" ist nie unschuldig!

Gott ist jedem das, was er in seinem Denken unhinterfragt belässt. Und jedes Denken braucht einen solchen. Aber nicht jedes Denken braucht den Gleichen.

Die Wahrheit kann man nicht sagen, man kann sie nur hören.

Es macht sich nicht der schuldig, der sich anderem anbiedert, sondern der, welcher der Anbiederung erliegt. Der Schleimer und Kriecher sucht nur seinen Weg aus einer Unzulänglichkeit. Der "Empfangende" aber missbraucht die Devotion zur Macht, was ihn in seiner "Schwäche zur Macht" schuldig spricht.

In der Ordnung der Sünde war deutlich markiert, dass alle Sünder waren. Im Kontext von Vernunft entstand schließlich die Möglichkeit gut zu handeln, indem man vernünftig handelt. Die Option schlecht zu handeln ersetzte die naturgegebene Schlechtigkeit des Sünders und bot unter dem Zeichen der eigenverantwortlichen Moral die Verfehlung als Möglichkeit an. Da aber nun berücksichtigt werden muss, dass grundsätzlich jede Handlung als "schlecht" oder "gut" angesehen werden kann, bedarf jede Handlung fortan eines Zusatzes: der Rechtfertigung. Man muss ab sofort jede Handlung mit einer Absicht ausstatten, indem man sie begründet oder zumindest relativiert, um sie zu rechtfertigen.

Bedenke, die Guten können nur gut sein, weil es die Bösen gibt. Gäbe es die Bösen nicht, wären die Guten gezwungen selbst Böse zu sein.

Sei planlos und nutze die Möglichkeit!

Unsere Schulen stellen unsere größte Herausforderung dar. Wer sie unbeschadet durchlaufen hat, ohne dabei seine Neugier verloren zu haben, aus dem kann wirklich etwas werden.

Das Los aller Philosophie ist es, dass die Dinge ihr vorausgehen, dass sie im Moment ihres Verfassens sich nach hinten wendet und möglicherweise im nächsten Moment von der Welle stürzt. Die Dinge erscheinen, bevor wir über sie sprechen können. Nur indem wir die Dinge erklären sehen wir einen Weg, den wir eventuell zurückgelegt haben. Genau diesen Weg aber können wir immer wieder neu entdecken. So entsteht in der Praxis der Dinge, im Erzeugen der Dinge eine Geschichte. Die Entscheidung im Entstehen der Dinge ist provoziert von der Gegenwart, die mehr über uns aussagt, als wir zu sagen wüssten. So geben die Dinge Zeugnis eines Prozesses von Entscheidungsabfolgen, die unseren zurückgelegten Weg festlegt. Deshalb liegt im Prozess der Schöpfung der spannende Moment des Überwindens des Nichtwissens, was wir tun.

Letzten Endes geht es immer um eine Disziplinierung schizophrener Handlungsweisen.

In einem Traum habe ich heute erfahren, dass meine Seele siebenhundertfünfundvierzig Quadratmeter groß ist. Da kann es doch nicht verwundern, wenn man sich nicht die ganze Zeit am Ausgang aufhält.

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